Den Krebszellen auf der Spur

Gesund / 22.04.2021 • 14:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Den Krebszellen auf der Spur
Primar Thomas Winder (l.) und Oberarzt Bernd Hartmann informierten. VN

Präzisionsmedizin sorgt für längeres Überleben.

Feldkirch Es gab eine gute und eine weniger gute Nachricht. Die gute Botschaft der Krebsexperten: Die Behandlung von Tumorerkrankungen kann heutzutage so gezielt erfolgen, dass die Überlebenschancen immer größer werden. Die weniger gute Botschaft: Krebs und Covid-19 vertragen sich gar nicht gut. Krebspatienten haben nicht nur ein hohes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, auch die Sterblichkeit ist zehnfach erhöht. Andererseits zeigt die Schutzimpfung zwar nicht die gleiche Wirksamkeit wie bei gesunden Personen, ist aber doch nützlich. „Bei Krebspatienten sollte jedoch in jedem Fall eine Bestimmung der Antikörper erfolgen, um zu sehen, ob ein entsprechender Schutz besteht“, erklärte Oberarzt Bernd Hartmann. Laut einer Datenauswertung, die bei Krebspatienten im LKH Feldkirch vorgenommen wurde, haben 73 von 86 Geimpften schützende Antikörper entwickelt. Bei 13 Patienten war dies nicht der Fall, sie alle litten an einer Blutkrebserkrankung. Bei ihnen ist die Gefahr, an Covid-19 zu erkranken, besonders hoch, da sie stark immungeschwächt sind.

Ein komplexes Netzwerk

Dafür konnte Primar Thomas Winder, Leiter der Internen II im LKH Feldkirch, über deutliche Fortschritte in der Onkologie berichten. So ist etwa die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei Prostatakrebs von 37 auf 88 Prozent und bei Brustkrebs von 53 auf 86 Prozent gestiegen. „Bei manchen Tumorerkrankungen brauchen wir aber noch die Wissenschaft und Forschung“, räumte er ein. Dann unternahm Winder einen kurzen Streifzug durch die diagnostische Entwicklung. Diese reicht vom Mikroskop („das ist immer noch wichtig“) bis zur gänzlichen Entschlüsselung der Eigenschaften von Krebszellen. Die Molekularpathologie macht es möglich, Krebszellen das letzte Geheimnis abzujagen und sie damit gezielt zu bekämpfen.

Winder verglich das komplexe Netzwerk einer Krebserkrankung anschaulich mit jenem einer U-Bahn. „Mit der Therapie versuchen wir, Umsteigebahnhöfe zu blockieren“, erklärte er. Eine Chemotherapie habe alle blockiert. Inzwischen sei es möglich, die relevanten Knotenpunkte zu erkennen und Krebszellen punktgenau mit den entsprechenden Medikamenten weitere Wege abzuschneiden. 

Umwelteinflüsse wie Sonne, Rauchen und Alkohol können in den Zellen zu spontanen Veränderungen führen. „Diese werden aber nicht vererbt“, betonte Thomas Winder. Gleichzeitig teilen sich die Zellen immer und immer wieder millionenfach. Bei diesem Prozess können auch Fehler passieren, in Form von Mutationen beispielsweise. Eine Folge daraus sind Krebserkrankungen. Die traditionelle Therapie ist nach wie vor die Chemotherapie. Sie kann mittlerweile jedoch auf spezielle Zellen adaptiert werden. Jeder Patient und die zu ihm passende Therapie werden im sogenannten Tumorboard besprochen, einer interdisziplinären Zusammenkunft der beteiligten Disziplinen.

Oberarzt Bernd Hartmann, seit Jänner auch Präsident der Krebshilfe, erläuterte Corona und die Auswirkungen auf Krebspatienten. „Bei einer Infektion scheiden sie deutlich länger das Virus aus als gesunde Personen. Bei Blutkrebs bis zu 55 Tage“, verdeutlichte Hartmann. Die Schutzimpfung hingegen zeitigte bei Krebspatienten deutlich geringere Nebenwirkungen. „Die Vorarlberger Krebspatienten haben sie sehr gut vertragen.“ Corona machte aber auch Angst. So gab es während des ersten Lockdowns um 40 Prozent weniger Brustkrebsdiagnosen und 70 Prozent weniger Vorsorgeuntersuchungen, was oft zu verspäteten Diagnosen führte. Der Appell des Krebsspezialisten: „Halten Sie die Hygienemaßnahmen ein, suchen Sie bei Symptomen den Arzt auf, lassen Sie sich impfen und nützen Sie das Angebot der Krebsvorsorge rechtzeitig.“

Fragen der Zuseherinnen und Zuseher

Würden sie auch AstraZeneca an Krebspatienten verimpfen?

Hartmann Die Empfehlung ist klar: Krebspatienten sind mit einem mRNA-Impfstoff zu impfen. Das ist auch im Impfplan so vorgesehen.

Können Krebsmedikamente einen schweren Covid-19-Verlauf fördern?

Hartmann Durch die Immunschwäche bzw. eine Therapie kann ein schwerer Verlauf herbeigeführt werden, das ist richtig.

Müssen Krebspatienten für eine Impfung körperliche Voraussetzungen erfüllen?

Hartmann Die Patienten sollten keinen Infekt haben, aber das gilt allgemein für Impfungen. Trotzdem denke ich, dass es Sinn macht, sich impfen zu lassen. Allerdings bedarf es einer Kontrolle der schützenden Antikörper, um zu wissen, ob es zu einer Impfreaktion gekommen ist oder nicht.

Welche Krebspatienten gehören, neben jenen mit Blutkrebs, noch zur Risikogruppe?

Hartmann Tumorerkrankungen, besonders im fortgeschrittenen Stadium, begünstigen allgemein einen schweren Verlauf bei Covid-19.

Theranostics: Ist diese Methode im LKH Feldkirch bekannt?

Winder Ja, bei diesem Begriff geht es um die unterschiedlichen Möglichkeiten, den Krebs im Detail anzuschauen. Es gibt die molekulare Diagnostik und es gibt bildgebende Verfahren, die wir nützen können. Diese individualisierte Medizin ist bei Krebserkrankungen ein wichtiger Bestandteil.

Was sind Biomarker genau?

Winder Biomarker sind die Eigenschaften, die Krebszellen haben. Diese molekularen Veränderungen kann man bei gewissen Krebserkrankungen für eine gezielte Therapie verwenden.

Ist die personalisierte Krebstherapie teurer?

Winder Jede neue onkologische Therapie ist anfangs recht teuer, dann flacht die Kurve ab. Was man aber schon bedenken muss, ist, dass wir diese Therapie nicht allen Patienten anbieten, weil nicht alle darauf ansprechen. Wir setzen diese Therapie also viel gezielter ein, und damit spart man sich einerseits die Nebenwirkungen, weil die Therapie keinen Nutzen hat, und man spart sich dadurch natürlich auch Geld. Diesen Effekt darf man nicht unbeachtet lassen.

Bekommen Patienten in Vorarlberg die teuren Krebsmedikamente ohne Einschränkungen?

Winder Ich kann ihnen versichern, sie bekommen in Vorarlberg die besten Medikamente ohne Einschränkung. Es gibt gewisse Bundesländer, da bestehen Einschränkungen. Wir in Vorarlberg haben jedoch das Glück, davon nicht betroffen zu sein. Wir monitorisieren unsere Medikamentenkosten genau, aber wir können jedes Medikament einsetzen, wenn es zugelassen ist.

Wie sieht es mit Bluttests zur Krebsfrüherkennung aus?

Winder Die Wissenschaft ist darauf konzentriert, mit einer einfachen Blutabnahme genau dieselbe Information zu einer Krebszelle zu bekommen, wie wenn man in den Tumor hineinstechen würde, wie dies derzeit notwendig ist. Diese Möglichkeit steht kurz bevor, es gibt schon einige Studien, aber sie ist noch nicht im klinischen Alltag präsent, weil es technische Voraussetzungen braucht, um sie breit ausrollen zu können. Wir haben klinische Studien an unserem Zentrum, wo wir genau diese diagnostischen Verfahren mitlaufen lassen, um jetzt schon zu lernen und dann bereit zu sein, wenn sie am Start ist.