Der Berg ruft

Vorarlberg / 22.04.2021 • 16:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bergretter Rene Wetzlinser (l.) und Bernhard Bickel (r.) sind bei einem Einsatz immer voll ausgestattet. VN/Jun
Bergretter Rene Wetzlinser (l.) und Bernhard Bickel (r.) sind bei einem Einsatz immer voll ausgestattet. VN/Jun

Raggaler Bergretter berichten von ihren teils schwierigen Einsätzen.

Raggal Wenn auf dem Pager das Kürzel B7 aufblinkt, muss alles ganz schnell gehen. Die ersten der insgesamt 34 aktiven Bergretter von Raggal schaffen es in ein bis zwei Minuten zum Feuerwehr- und Bergrettungshaus. Der Mannschaftswagen der Feuerwehr ist startbereit, der Anhänger voll ausgestattet mit Seilen, Sicherungen, Taschenlampen, Verbandsmaterial und Tragen. Noch die letzten benötigten Materialien heraussuchen und los geht’s. Jede Sekunde zählt, denn B7 bedeutet Lawinenabgang. Bei diesem Einsatzstichwort werden die umliegenden Ortsstellen der Bergrettung mit alarmiert. Auch der Notarzthubschrauber „Christophorus 8“ und der Polizeihubschrauber „Libelle“ heben ab.

Überlebenschancen sinken drastisch

„Das ist der Worst-Case-Fall“, erklärt Bernhard Bickel, Ortsstellenleiter der Bergrettung Raggal. In den ersten 18 Minuten hat ein Verschütteter eine 90-prozentige Überlebenschance, danach sinkt diese drastisch nach unten. Hundeführer mit Hunden werden ab einer Lawinenwarnstufe 3 per Hubschrauber auf die Lawine abgesetzt. Wenn kein Hubschrauber aufgrund der schlechten Witterung fliegen kann, müssen die Bergretter mit Tourenskiern oder Bergschuhen zur Unfallstelle aufsteigen. Dabei haben sie eine Trage und 15 bis 20 Kilogramm schweres Gepäck dabei und müssen sich durch meist schwieriges, steiles und wegloses Gelände kämpfen. Der Ortsstellenleiter betont, dass alle Einsätze in Teamarbeit ablaufen. „Alle 34 aktiven Bergretter arbeiten zusammen.“

Wenn aus Übung Ernst wird

Man müsse die Berge schon mögen, sonst hätte man als Bergretter in dem Ehrenamt nichts verloren, ist Bernhard Bickel überzeugt, der selbst gerne wandern und Skitouren geht. Als Bergretter muss man bis in den vierten Grad klettern können und teils seine eigene Ausrüstung für die Einsätze mitbringen. Wer Bergretter werden möchte, muss davor mindestens einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert haben. Die Ausbildung zum ehrenamtlichen Bergretter dauert zwei bis drei Jahre. Um am Ball zu bleiben, gibt es für die Bergrettung neben Schulungsabenden auch Fortbildungskurse des Landes. Zudem macht man immer wieder Praxisübungen vor Ort, wie im Jänner auf der Raggaler Skipiste, wo schnell aus Übung Ernst wurde, als tatsächlich neben der Skipiste ein Einheimischer eine 25 Meter breite und 70 Meter lange Lawine auslöste und verschüttet wurde.

Groß angelegte Suchaktion

In den letzten Jahren gab es einige kuriose und heftige Einsätze der Bergretter und First Responder, wie Bernhard Bickel, Reinhard Biberle, Benjamin Bickel und Rene Wetzlinser erzählen. So stürzte 2019 ein Heißluftballon ab; die Insassen trugen diverse Frakturen und Prellungen davon. Auch den schweren Verkehrsunfall vor zwei Jahren, bei dem ein Motorradfahrer tödlich verunglückte, vergessen die Retter so schnell nicht mehr.

In Erinnerung geblieben ist ihnen auch die groß angelegte Suchaktion in Ludesch, bei der die Feuerwehr, Polizei, Hundestaffel, das Rote Kreuz und viele Freiwillige und Angehörige beteiligt waren. Leider blieb die Suche erfolglos, denn die demente Frau wurde erst einige Zeit später tot im Bachbereich aufgefunden. Hin und wieder müssen die Bergretter aber auch einen Paraglider aus einer Baumkrone befreien. Bergretter zu sein, ist eben ihre Berufung. „Das macht man nicht nur, das lebt man“, bringt es Bernhard Bickel auf den Punkt. VN-JUN