Als die Atomkatastrophe Vorarlberg erreichte

Vorarlberg / 23.04.2021 • 18:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Als die Atomkatastrophe Vorarlberg erreichte

Erinnerung an den Katastrophenschutz in Zeiten der Ungewissheit.

Schwarzach ÖBB-Schnellzüge haben manchmal komische Namen. „Urlaub am Bauernhof“ zum Beispiel, oder „Wiener Walzer“. Vor 35 Jahren befindet sich eine außergewöhnliche Fracht im Führerhaus des „Wiener Walzers“. Der Filter einer Pollenmessstation soll in Wien untersucht werden. Am nächsten Tag ist Vorarlberg das erste Bundesland, das nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl erhöhte radioaktive Werte nachweisen kann. Hubert Vetter, Mitglied des damaligen Krisenstabs, erinnert sich: „Wir wussten aus den Medien, dass irgendwas passiert ist. Nachdem die Werte da waren, war die Krise allgegenwärtig.“

Vor 35 Jahren, am 26. April 1986, fliegt das Atomkraftwerk in Tschernobyl in die Luft. Die radioaktive Wolke zieht auch über Deutschland, Österreich und die Schweiz. Am 29. April 1986 vermelden die VN erstmals ein Reaktorunglück in der Sowjetunion. Tags darauf herrscht Gewissheit, die VN titeln: „Schwerster Atomunfall seit Menschengedenken.“

In Vorarlberg wird am 1. Mai unter der Leitung von Landesstatthalter Siegfried Gasser ein Krisenstab gebildet. Der heute 79-Jährige blickt zurück: „So eine Situation hatten wir noch nie. Wir haben versucht, die Informationen zu bündeln, die wir bekommen haben.“ Das Ganze sei zunächst surreal gewesen. „Wir stellten schnell fest, dass die Sache ernster war, als wir am Anfang glaubten.“ Der spätere Landesfeuerwehrinspektor Hubert Vetter ist zu dem Zeitpunkt 28 Jahre alt und ebenfalls Teil des Stabs. „Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Die ersten drei Monate waren eine ganz intensive Zeit.“

Unbrauchbares Gemüse

Der Krisenstab informiert und berät Maßnahmen. Sandkästen müssen geleert werden, außerdem gibt es einige Lebensmittel nicht mehr zu kaufen, vom Verzehr von Pilzen, Waldfrüchten und Gemüse aus dem Garten wird abgeraten. Auch Wildfleisch ist tabu. Die Feuerwehr rückt aus, um Vorplätze von Kindergärten und Pausenhöfe von Schulen zu waschen. Barbara Walt (70) ist damals Volksschullehrerin in Höchst und muss den Kindern beibringen, dass sie nicht mehr raus dürfen und Sandkästen meiden sollen. „Kinder, Eltern und wir Lehrer zogen an einem Strang. Da gab es glücklicherweise noch keine Verleugner und Verweigerer, so wie heute bei Corona.“ Die Stimmung habe sich mit der Zeit geändert. „Zuerst war da Ungläubigkeit, danach Panik.“ Ins Gedächtnis eingebrannt haben sich auch private Erlebnisse. „Eine Nachbarin besaß ein Beet mit wunderbaren Salaten. Ich weiß noch, wie sie schweren Herzens alles ausriss. Und an diesem Tag bekam meine Katze Junge.“

Siegfried Gasser hat nicht nur Verständnis erlebt. Vetter bestätigt: „Auch damals behaupteten Gruppierungen, dass man falsch informiert. Die haben es nicht geglaubt.“ Er findet noch mehr Gemeinsamkeiten zu Corona: Zu Beginn weiß niemand, womit man es zu tun hat. Die Staaten gehen unterschiedlich damit um. „Am Markt in Konstanz konnte man keinen Salat kaufen, in Kreuzlingen schon.“ Außerdem gibt es regionale Unterschiede. Da es im Norden Vorarlbergs regnet, ist die Belastung höher als im Süden.

In der Coronakrise profitieren die Verantwortlichen vom Katastrophenschutz von damals, fährt Vetter fort. „Der Katastrophenschutz wurde wahrgenommen und es entstanden Institutionen wie die Landeswarnzentrale und die Feuerwehrleitstelle.“ VN-mip, hk

„Wir stellten schnell fest, dass die Sache ernster war, als wir am Anfang glaubten.“