Der gute Hirt

Vorarlberg / 23.04.2021 • 18:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der gute Hirt

Jesus, der gute Hirt: Dieses Bild strahlt Vertrauen aus. Es steht für Geborgenheit, Umsorgt-Sein, Sicherheit, Schutz. Der gute Hirt gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Texten der Bibel – genauso wie Psalm 23. Schon oft habe ich ihn bei Trauungen, Taufen, Beerdigungen verwendet: „Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Meine Lebenskraft bringt er zurück …“ Wunderbare Sätze, ergreifende Gedanken, die Hoffnung und Vertrauen schenken.

Welchen Stimmen vertrauen wir?

Mich fasziniert bei diesem Bild des guten Hirten immer die Vertrautheit mit seiner Herde. Der gute Hirt – im Gegensatz zu den falschen Anführern und Verführern – kennt die Seinen nicht nur oberflächlich, nicht nur vom Hörensagen, sondern mit Namen. Er sucht sie, wenn sie sich verirrt haben, und trägt sie auf der Schulter nach Hause. Das unterscheidet den guten Hirten vom bezahlten Knecht, der gleich das Weite sucht, wenn es eng wird. Es sind ja nicht seine Schafe, auf die er aufpasst, und das eigene Leben ist ihm wichtiger als das der Herde. Heute sind da beispielsweise die Ärztinnen und Pfleger in den Spitälern, die um das Leben von Menschen kämpfen. Sie sind gute Hirten. Oder Feuerwehrleute, Polizistinnen oder Rettungssanitäter, die oft ihr Leben einsetzen, um Menschen zu helfen. Sie handeln als gute Hirten. Gute Hirtinnen und Hirten gibt es auch in den Familien, den Pfarren, am Arbeitsplatz, in den Vereinen. Überall, wo ich Trost und Halt spüre und wo ich erfahre, dass ich angenommen und verstanden werde, ist das Bild des guten Hirten wirklich geworden.

In der Regel spüren wir schnell, wo jemand sich als guter Hirte verhält und wo jemand für den eigenen Vorteil arbeitet. Umso wichtiger ist es deshalb auch, genau hinzuhören. Im Evangelium heißt es, dass die Schafe den guten Hirten an der Stimme erkennen. Welchen Stimmen folge ich in meinem Leben? Welchen Verheißungen laufe ich nach? Welchen Versprechungen glaube ich?

Eine Vision für die Zukunft

Für mich sind es vor allem vier Worte, die ich mit dem guten Hirten verbinde: sehen – rufen – berühren – heilen. Das Handeln Jesu zeichnet genau das aus: Er ist zu den Menschen hinausgegangen und hat Not und Sorge, Freude und Hoffnung der Menschen gesehen. Er hat sie zu sich gerufen, mit ihnen gesprochen und mit ihnen ihr Leben geteilt. Er hat sie berührt und ließ sich berühren. Und er hat die Menschen geheilt und ihrem Leben einen neuen Anfang geschenkt.

Sehen – rufen – berühren – heilen. Das sind vier Worte, die nicht nur so dahingesagt, sondern in die Tat umgesetzt werden sollen. Es sind Tun-Wörter, die uns in die Pflicht nehmen. Denn auch wir können füreinander Hirtin/Hirte sein. Wenn wir sagen: Ich vertraue dir! Du bist mir wichtig! Ich traue dir etwas zu! Ich kümmere mich um dich!, dann bekommt das Bild des guten Hirten durch uns ein lebendiges Gesicht. Ich glaube, der gute Hirt schenkt uns die richtige Vision, d.h. einen guten Blick und eine wichtige Orientierung für die Zukunft. Auch in den kommenden Monaten wird es genau darum gehen: die Armen, Einsamen und Kranken nicht zu vergessen. In die Bildung unserer Kinder zu investieren. Den Dialog zu fördern. Und in all dem das wunderbare Wort von Etty Hillesum Wirklichkeit werden zu lassen: „Ich möchte Balsam sein für viele Wunden.“

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