Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Vorarlberger Modell und Tiroler Mutation

Vorarlberg / 23.04.2021 • 19:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Noch nie war die Sehnsucht nach Normalität so groß wie jetzt. 

Mit der Frühlingssonne wächst die Hoffnung, dass es so sein möge wie in der ersten Welle: dass mit steigenden Temperaturen die Infektionszahlen fallen. 

Verkürzt könnte man sagen, dass die Bundesregierung in einem Monat eine Extended Version des Vorarlberger Modells in ganz Österreich umsetzen möchte. Wer sich regelmäßig testen lässt, darf ganz schön viel. 

  • Im Gastgarten zu zehnt an einem Tisch bis 22 Uhr sitzen.
  • 3000 dürfen sich bei Veranstaltungen im Freien treffen – viel mehr wollen üblicherweise ohnedies nicht in die Vorarlberger Stadien. 
  • Das Limit von 1500 für Veranstaltungen drinnen sprengt eh nahezu jeden Veranstaltungssaal im Land.

Noch nie war die Sehnsucht nach Normalität so groß wie jetzt.

Soweit die Ankündigungen, mit denen es hauptsächlich ein Problem gibt: die allermeisten solcher ähnlich gelagerten Ankündigungen brachten keine Planbarkeit, sondern kurzfristige Absagen. Der vor Weihnachten bis 18. Jänner angekündigte Lockdown wurde verlängert, die ebenfalls für 18. Jänner angekündigten Hotelöffnungen konnten bis heute nicht stattfinden. Das Freitesten für Veranstaltungen gab’s mit viel Verspätung nur in Vorarlberg. Die Schanigärten in Wien haben nach Ostern nicht aufgesperrt, stattdessen befindet sich die Bundeshauptstadt im Lockdown. Das Virus lässt sich von Ankündigungen eben nicht beeindrucken. 

Die Wohnzimmertests in Kombination mit einer digitalen Kontrolle, für den Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner der elementare Baustein der Modellregion, werden ab 19. Mai österreichweit als Eintrittstests gelten – das ist durchaus als Erfolg zu werten. Vorarlberg hat hart dafür gekämpft. 

Folgende Zahlen sind aktuell aus unserer Perspektive besonders wichtig:

Obwohl Vorarlberg gestern die 200er-Inzidenz-Grenze überschritten hat, ist damit die Gefährdung der lang verhandelten Modellregion erheblich gesunken. Unwahrscheinlich, dass Vorarlberg seinen Status aufgeben muss, wenn am 19. Mai ohnedies (fast) alles im gesamten Bundesgebiet öffnen soll. Und umso mehr nachvollziehbar, dass die Landesregierung die regionalen Ausreisetests nach dem Leiblachtal auch im Bregenzerwald konsequent umsetzt. 

Wahrscheinlicher sind aber lokale Abschottungen geworden: Hochinzidenzgebiet ist nun, wer die 300 knackt. Dieser Wert war bislang bei 400 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen. Auf der Gemeindeliste auf der gegenüberliegenden Seite sind genügend Gemeinden dabei, die gefährlich nahe oder deutlich über 300 liegen.

50 Prozent der Neuinfektionen bei unseren Nachbarn in Tirol sind aktuell der sogenannten Fluchtmutation B1.1.7-E484K zuzuschreiben. Einen gängigeren wissenschaftlichen Namen gibt es für die neuerlich ansteckendere Weiterentwicklung der ,britischen Mutation’ leider nicht. Im Vorarlberger Landhaus heißt sie schlicht ,,Tiroler Variante”. Außerhalb unseres Nachbarbundeslandes gibt es tatsächlich nur einzelne Fälle – in Vorarlberg wurde bisher zum Glück nichts davon entdeckt.

100.000 Vorarlbergerinnen und Vorarlberger haben seit gestern zumindest die erste Schutzimpfung erhalten. Die Vormerkungen zur Impfung sind seit Donnerstag drei Mal so hoch wie zuvor. 

Noch nie war die Sehnsucht nach Normalität so groß wie jetzt.