„Gott, ich danke dir für die schöne Zeit“

Vorarlberg / 25.04.2021 • 19:03 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ewald Berchtold war Extremsportler, heute kann er immerhin noch Mountainbiketouren unternehmen.
Ewald Berchtold war Extremsportler, heute kann er immerhin noch Mountainbiketouren unternehmen.

Ewald Berchtold gab in seinem Leben immer Vollgas. Erst ein schwerer Unfall bremste ihn ein.

Dornbirn Ewald Berchtold war als Kind ein Wildfang, er kletterte am liebsten auf Bäume und Hausdächer. Auch später gab der Schwarzenberger richtig Gas. Als Tischlerlehrling kaufte er sich vom ersten Lohn Skier. „Dann ging´s mit Skiakrobatik los“, erzählt der heute 67-Jährige, wie er zum Trickskifahrer wurde: „Ich hab‘ eine TV-Sendung über Skiballett gesehen, das hat mich so fasziniert, dass ich es mir selbst beigebracht habe.“

Mit 19 Jahren stürzte Ewald Berchtold allerdings schwer, erlitt Serienrippenbrüche und brach sich zwei Brustwirbel. Seine Genesung dauerte Monate. Die Ärzte rieten ihm davon ab, seinen Beruf weiter auszuüben, ansonsten drohe ihm mit 30 Jahren die Invalidität. Also ließ er sich zum Einrichtungsberater umschulen, heiratete, gründete eine Familie und baute ein Haus. Mit 40 Jahren hörte er schließlich zu rauchen auf.

„Ab da fing ich an, Extremsport zu betreiben“, erinnert sich der Bregenzerwälder. „Am liebsten barfuß, ohne Helm und ungesichert. Einfach im Einklang mit Natur, Geist und Körper.“ Er trainierte hart, absolvierte Marathon- und Bergläufe, Mountainbike-Rennen. Beim Langlaufen war er nicht in der Loipe, sondern im Tiefschnee unterwegs. „Ich kann nicht anders, ich bin ein Beißer und Kämpfer. Das ist mein Naturell.“ Über den Alpenverein kam er schließlich zum Klettern. Aber Ewald wäre nicht Ewald, wenn er es bei kleinen Touren belassen hätte. So bestieg er in Nepal auf Hochtouren 5000er- und 6000er-Berge.

Einmal wäre Ewald Berchtold dabei fast ums Leben gekommen, als er in einer Gletscherrinne abstürzte. Er blieb aber unverletzt und bezwang noch den Gipfel. „All meine Unfälle bremsten mich nicht, weil bis dahin immer zu wenig passiert ist“, sagt er. Ein Ereignis brachte dann aber doch die schicksalhafte Wende in seinem Leben. Es war ein heißer Sommertag 2013, als er allein damit beschäftigt war, einen gesicherten Steig durch steiles und felsiges Gelände zu bauen. Dabei stürzte der zweifache Vater 20 Meter in die Tiefe ab, ehe er auf einem Felsvorsprung aufschlug. Er verlor das Bewusstsein, kam erst Stunden später wieder zu sich. Blutüberströmt und schwer verletzt versuchte er sich in ein Gebiet zu robben, wo er Handyempfang hatte. „Ich bin 30 Meter weitergekrochen und abermals im steilen Gelände abgestürzt. An einem kleinen Baum bin ich hängen geblieben.“ In dieser misslichen Lage musste er 33 Stunden ausharren, ehe er gerettet wurde. „Mir war klar, dass es an ein Wunder grenzen würde, wenn mich hier jemand fände.“ Er hielt Zwiesprache mit Gott, rief um Hilfe, wenn er in der Ferne ein Auto hörte. Als ihn ein Wanderer entdeckte und ihm versprach, Hilfe zu holen, wurde Ewald Berchtold bewusstlos. „Jetzt musste ich nicht mehr kämpfen.“ 21 Knochenbrüche erlitt der Extremsportler bei diesem Unfall, der ihn zum Invaliditätspensionisten machte. „Ich muss täglich mehrere Schmerztabletten nehmen.“

Mit dem Klettern und Laufsport ist es vorbei. „Zum Glück kann ich noch mit dem Mountainbike unterwegs sein,“ ist er froh. Aber nicht nur sein Körper, auch seine Seele wurde verwundet. Das Drama veränderte ihn als Menschen. Ewald Berchtold wurde empfindsamer und dankbarer. „Ich war früher schon ein hilfsbereiter Mensch. Aber jetzt helfe ich anderen noch mehr.“ Auch Gott hat für ihn jetzt einen größeren Stellenwert. „Er schaut auf mich, sonst gäbe es mich schon lange nicht mehr. Deshalb gehe ich an keinem Bildstock oder Kreuz vorbei ohne einen Gruß an Gott.“ VN-KUM

„Gott, ich danke dir für die schöne Zeit“
Nicht nur sein Körper, auch seine Seele wurde verwundet.
Nicht nur sein Körper, auch seine Seele wurde verwundet.