Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Neidgesellschaft

Vorarlberg / 26.04.2021 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Beherrscht von Geldgier, Neid und Missgunst“ – so hat der Psychiater Erwin Ringel die österreichische Seele beschrieben. Ringel, in Vorarlberg durch Auftritte bei der Schubertiade und in Feldkirch gut in Erinnerung, wäre morgen hundert Jahre alt geworden. Neid und Missgunst haben in der Pandemie Hochkonjunktur. Als bei uns die Gastronomie wieder geöffnet wurde, gab es namentlich im Osten ordentlich Neid. Man müsse bundeseinheitlich vorgehen, forderte etwa Niederösterreich. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass man regional differenzieren muss. Vorarlbergs Test-Strategie wird immer mehr nachgeahmt. Aktuell sind wir aber nicht nur Test-Weltmeister, sondern auch an der Spitze bei den Inzidenzzahlen. Haben wir es also versemmelt? Jein (© Robert Lembke). Nein: Gastronomie und Kultur haben vorexerziert, wie man es macht. Kein einziger neuer Fall ist aus diesen Bereichen bekannt. Bei jedem Gasthaus- oder Café-Besuch wird man nach dem Test gefragt, die Test-Zahlen sind schon aus diesem Grund nach oben geschnellt. Ob Landestheater, Burgtheater im Festspielhaus, Theater Kosmos oder SOV: Bei Mitwirkenden und Publikum ist die Freude über wiedergewonnene Lebensqualität groß. Wo wir versagt haben, ist der private Bereich. Inzidenzzahlen zeitweise von über 2000 in Lingenau oder Übersaxen zeigen auf, wo der Hund begraben ist. Das wäre auch mit Lockdown nicht in den Griff zu bekommen.

Vorarlbergs Test-Strategie wird immer mehr nachgeahmt.

Neid hat bei der Bundes-Ärztekammer mitgespielt, als die Apotheker Impfungen anbieten wollten. Das ist etwa in der Schweiz möglich, und in Österreich dürfen Medizinstudenten impfen oder diplomierte Krankenschwestern oder Sanitäter Die Apotheken aber nicht. Ob da eine Rolle spielt, dass in Ordinationen für die erste Impfung 25 und für die zweite 20 Euro bezahlt werden? Dieselbe Debatte zwischen Ärzten und Apothekern hat es gegeben, als Apotheken Antigen-Tests anbieten sollten. „Solche Test gehören nicht in die Hände von Laien“, meinte die Ärztekammer. Jetzt sind die Testungen in den Apotheken gar nicht mehr wegzudenken, wenn man die hohe Test-Quote halten will. Neid spielt auch in der Politik eine Rolle. Rot, Blau und Pink haben im März im Bundesrat das Epidemie- und Covid-Maßnahmengesetz verhindert und damit geplante Eintrittstests in den Handel in Ostösterreich oder verpflichtende Berufsgruppentests. Neid, weil man der Regierung keinen Erfolg gönnen wollte? Das sei angesichts der Situation auf den Intensivstationen „der dümmste Zeitpunkt, aus parteipolitischem Kalkül wichtige rechtliche Rahmenbedingungen zu blockieren“, meinte selbst der SPÖ-Landeshauptmann Doskozil.
Die wahre Neid-Debatte kommt aber noch auf uns zu. In einem Monat tritt das blockierte Gesetz automatisch in Kraft. Damit ist auch der grüne Pass für Geimpfte, Getestete und Genesene erlaubt. Jetzt muss die Regierung den Pass noch technisch auf die Reihe bringen und sich auf den Einführungstermin einigen. ÖVP-Staatssekretär Brunner hat den Pass für Ende Mai, rund um den 24. Mai, angekündigt. Der neue Gesundheitsminister Mückstein dazu: „Da weiß er mehr als ich.“ Mückstein will ab Ende Mai nur Pilotversuche für den Pass, in Vorbereitung auf die EU-weite Ausrollung im Juli. Kanzler Kurz beharrte am Wochenende jedoch auf einem Inkrafttreten vor der EU. Wann auch immer: Die Nicht-Pass-Besitzer werden ganz schön neidisch werden. Aber nur Impfwillige, die noch nicht dran waren, haben dazu eine Berechtigung. Aber bevor die Impfunwilligen grün vor Neid werden, helfen zwei Dinge: Impfung oder Test. Hilft garantiert und baut Neidgefühle ab.

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.