Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

TV-Stars am Rande des Nervenzusammenbruchs

Vorarlberg / 26.04.2021 • 22:58 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die tolle Idee, die man sich in kleiner Runde ausdenkt, muss dann in der realen Welt nicht unbedingt als tolle Idee ankommen, man kennt das ja. Diese Erfahrung machten nun 53 deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler, darunter „Tatort“-Stars wie Ulrich Tukur oder Jan-Josef Liefers, die vergangene Woche unter #allesdichtmachen Videoclips veröffentlichten, in denen sie die Corona-Politik kritisierten.

Was als „ironischer“ Beitrag gedacht war, um auf die schwierige Situation für die Kunstschaffenden in der Pandemie hinzuweisen, geriet zum sarkastischen, teilweise zynischen Manifest der eigenen Abgehobenheit – wer sich über lebensrettende Maßnahmen lustig macht, während täglich Menschen sterben, hat leider nichts verstanden. Einige Videos waren am nächsten Tag offline, die Proteste dagegen heftig; manche Teilnehmenden entschuldigten sich, manche behaupteten, sie hätten nicht gewusst, welche Intention die Aktion hatte, wären quasi hineingestolpert. Die AfD und die „Querdenken“-Bewegung teilten die Videos begeistert: Wenn „Tatort“-Held Liefers von einer Medien-Verschwörung spricht, dann wird schon was dran sein! Die unnötige Aktion verdeutlicht allerdings Grundlegendes, worauf man gerade jetzt achten sollte.

In einer Demokratie darf jede, jeder alles sagen oder kritisieren. Jede, jeder andere darf allerdings auch ihre, seine Meinung dazu äußern. Meinungsfreiheit ist keine Einbahnstraße.

Der Ton macht die Kritik. Schon lange vor den 53 Stars am Rande des Nervenzusammenbruchs haben Prominente wie die Musiker von der Band „Die Ärzte“ in der ARD eindringlich über die existenzbedrohende Situation für Kulturschaffende gesprochen – allerdings ohne diverse Corona-Maßnahmen ins Lächerliche zu ziehen.

Alle leiden

In der Pandemie geht es (fast) allen Menschen schlecht. Viele haben wirtschaftliche Sorgen oder leiden unter psychischen Belastungen – und leben nicht finanziell abgesichert in schönen Altbauwohnungen wie die Fernsehschaffenden. Immer mehr müssen mit dem Verlust eines geliebten Menschen zurechtkommen oder kämpfen mit Long Covid.

Wer jetzt Kritik aus seiner Sicht äußern will, sollte auch immer mitdenken, wie die Situation anderer ist. Ein gewisser Zusammenhalt über die eigene Lebenswelt hinaus, ein Verstehen anderer Bedürfnisse, ist die Grundlage eines konstruktiven kritischen Austausches.

Ironie oder das, was man für Ironie hält, ist derzeit ein gefährliches Stilmittel im Diskurs. Angehörige eines Corona-Intensivpatienten oder Intensivmedizinerinnen können Witze über Beatmung – also Schauspieler, die in ein Plastiksackerl atmen – niemals amüsant finden. Und auch das ist kein Geheimwissen: Zynismus hat null mit Ironie zu tun.

„Ein gewisser Zusammenhalt über die eigene Lebenswelt hinaus ist die Grundlage eines konstruktiven kritischen Austausches. “

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.