Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Sanftmut

Vorarlberg / 27.04.2021 • 19:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eine Freundin erzählte mir mit Empörung in der Stimme von ihrer Schwägerin, sie nämlich verrate mit ihrer Sanftmut die Rechte der Frauen.

„Wie das?“, fragte ich. „Geht es um Politik?“

„Im Gegenteil“, sagte sie.

„Was ist das Gegenteil von Politik?“, fragte ich.

„Moral.“

Die Schwägerin meiner Freundin, eine Frau um die Fünfzig, ist verheiratet mit einem schweigsamen Mann, lange schon. Sie hat Temperament. Ein treues, von allen bewundertes Paar. Der Mann nimmt seinen Beruf als Psychiater sehr ernst. Oft kommt er spät nach Hause – Überstunden. Gerade in der Zeit der Pandemie brauchen ihn die Patienten. An einem Abend, es war kalt, Schneeregen, da beschloss die Frau, ihren Mann mit dem Auto abzuholen, er war nämlich mit dem Zug in die Praxis gefahren, und zum Bahnhof hatte er eine Viertelstunde zu gehen, was er gern tat. Aber bei diesem Wetter wäre er bestimmt froh, abgeholt zu werden. Dachte sie.

Die Praxis war leer, die Putzfrau wischte den Boden. Die Frau telefonierte, der Mann nahm nicht ab. Also fuhr sie nach Hause und wartete dort auf ihn.

Er kam und war anders als sonst, fröhlich, wo er sonst erschöpft wirkte nach einem langen Tag.

„Was ist geschehen?“ fragte sie.

„Ich werde dich verlassen. Es hat keinen Sinn mehr, etwas anderes zu sagen.“

„Du wirst mich verlassen?“ Sie zitterte, wartete auf einen Gefühlsausbruch, wartete darauf, dass sie gleich schreien würde, schreien und nie mehr aufhören. So war es doch ihre Art. Sie öffnete den Mund, und es kam kein Laut. „Komm“, sagte der Mann, „wir reden bei einem Glas Wein darüber.“

Wieder konnte sie nicht sprechen. Sie ließ sich von ihm auf das Sofa drücken, er setzte sich daneben und nahm ihre Hand. Jetzt hätte sie, wie es ihre Art war, mit den Armen um sich schlagen, ihn beschimpfen sollen. Nichts. Sie zitterte nur.

Der Mann erzählte, dass er schon seit drei Jahren eine Beziehung mit einer ehemaligen Patientin habe, erst habe sie ihn gebraucht, er hatte sich gekümmert, und dann waren sie ein Liebespaar geworden.

Die Frau hörte ihm zu, und wie ihr Mann so redete, kam es ihr vor, als läse er aus einem Buch eine Geschichte mit traurigem Ausgang, beinahe hätte sie sich an seine Schulter gelehnt.

„Das kann nur der Schock sein“, sagte ich zu meiner Freundin. „Wann hat sie endlich ihr Temperament losgelassen?“

„Der Mann hat ihr das Temperament ausgeblasen, wie man eine Flamme löscht“, war die Antwort. „Mit Dynamit, wie man eine brennende Ölquelle löscht.“

Die Frau vergrub sich im Bett.

Auf Anfrage sagte der Mann, seiner Frau gehe es nicht gut, es hätte keinen Sinn, sie zu besuchen, sie wolle allein sein, sie werde nicht öffnen. Man solle sich nicht bemühen, seine Frau müsse die neue Situation erst begreifen.

„Bis heute“, erzählte mir meine Freundin, „hat sie noch nicht ein einziges Mal geschrien. Sie lässt ihn einfach. Verstehst du das?“

„Ja, das verstehe ich“, sagte ich. „Aber Sanftmut ist das nicht.“

„Es ist Verrat an der Frau an sich!“

„Ich“, sagte ich, „ich fühlte mich nicht von ihr verraten, ich nicht.“

„Er kam und war anders als sonst, fröhlich, wo er sonst erschöpft wirkte nach einem langen Tag.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.