Negativ ist positiv

Vorarlberg / 29.04.2021 • 17:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der heilige Papst Urban wird in der Propstei geimpft. Nathalie Morscher
Der heilige Papst Urban wird in der Propstei geimpft. Nathalie Morscher

In den vergangenen Monaten haben wir gelernt, dass negativ positiv sein kann. Das ist eigentlich nichts Neues. Das Glaubensleben ist voll davon, denken wir nur daran, dass aus dem Tod Auferstehung wird. Doch plötzlich realisieren wir ganz neu, was das bedeutet. Ein negatives Testergebnis ermöglicht viele positive Schritte. Ein positives Testergebnis ist auf den ersten Blick etwas Negatives, aber letztlich doch etwas Positives. Denn es ermöglicht, dass der Verbreitung des Virus sofort Einhalt geboten wird. Selbst das Negative der Pandemie hat auch viel Positives ausgelöst. Ein großartiges Beispiel: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt haben es miteinander fertiggebracht, in kurzer Zeit Impfstoffe zu entwickeln, die uns Menschen diesem verheerenden Virus nicht einfach mehr ausgeliefert sein lassen.

In Tat . . .

Das Virus provoziert ungewollt zu solidarischem Handeln. Dazu gehört das gemeinsame Tragen der Maßnahmen, um das Wirken des Virus einzudämmen. Das Impfen ist eine weltweite Aktion der Solidarität – auch vor Ort. Vor einigen Monaten hatte ich mich dafür unkompliziert über die Homepage vormerken lassen. Laufend wurde ich über das Impfgeschehen informiert. Am 17. April bekam ich die Einladung und nach der Anmeldung gleich die Bestätigung der zwei Termine für die erste und die zweite Impfung. Sogar der Impfstoff wurde mir bekanntgegeben: AstraZeneca. Am letzten Samstag war es soweit. Die Erfahrung im Impfzentrum Nenzing ist ein Gleichnis der Solidarität. Vom Bahnhof aus wird man durch die Signalisation abgeholt und begleitet. Allerdings: Nicht allen gefällt Solidarität. Das zeigte sich bereits in der Bahnunterführung. Die metallene Tafel war so verbogen, dass sie nicht mehr wegweisend war. Zwei Tage später war die Verunstaltung korrigiert. Problemlos ist das Impfzentrum zu finden. Die Tennishalle dient nicht nur einer kleinen Gruppe zum Spiel, sondern der ganzen Bevölkerung zu einem wichtigen Schritt in die Zukunft. Bestellt war ich aufs Zeitfenster 14.45 Uhr bis 15 Uhr. Ich war 10 Minuten vorher da. Auch vor Ort findet man sich spielend zurecht. Von freundlichen Menschen wird man empfangen und hilfsbereit begleitet. Zwei Minuten nach Eintreffen durfte ich mithalten: „Impfen ist Trumpf. Jeder Stich zählt“ (Günther Mayr). Anschließend durfte ich mich mit vielen anderen Menschen ein paar Minuten vor dem Weitergehen zur kurzen Erholung auf einen der vielen Stühle in der Tennishalle setzen. Es herrschte eine gute Stimmung. Um 15 Uhr war ich wieder auf dem Bahnhof. Nach dem Impfen ging es sofort aufwärts. Zurück nach St. Gerold.

. . . und Wahrheit

Im Impfzentrum und darum herum sind viele Menschen engagiert. Sie leisten einen großen und wichtigen Dienst einzelnen Menschen und der Gesellschaft. Im Gesundheitswesen dürfen wir in dieser Krisenzeit besonders erfahren, was es heißt, nicht nur mit Worten, sondern „in Tat und Wahrheit“ zu lieben (1 Joh 3,18). Einen großen Dienst übernehmen ganz wesentlich auch alle, die sich impfen lassen. Dies kommt allen zugute. Die Gesellschaft lebt davon, dass die Einzelnen Verantwortung mittragen. Das ist nicht Zwang, sondern Solidarität. Ein treffender Slogan der Österreichischen Bundesbahnen lautet: „Heute. Für morgen. Für uns.“ Freiheit für alle ist eine Frucht der Solidarität. Alle wollen wieder aufatmen. Wenn wir das nicht merken, sollten wir unsere Wahrnehmung tüchtig trainieren. Seit dem früheren Präsidenten der USA sind Lügen einfach alternative facts. Und so gehört das Verbreiten von Lügen zur Meinungsfreiheit. Leider gibt es eine kleine Gruppe von Menschen, die damit lautstark gegen das solidarische Miteinander in der Pandemie auftreten. Der Schweizer Polizeirechtsexperte Markus Mohler meint dazu – im Blick auf nicht erlaubte Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen: „Es handelt sich aber nicht mehr um ein polizeiliches, sondern ein staatspolitisches Problem. Es geht um die Respektierung der Rechtsordnung. … Dass die Freiheit nur so weit geht, bis sie an jene der Allgemeinheit stößt, wird mehr und mehr in Grundrechts-missbräuchlicher Weise ignoriert oder gar geleugnet.“ Wir merken: Mit solchem Verhalten werden Grundfesten der Demokratie untergraben. Die meisten Teilnehmenden werden sich dessen nicht bewusst sein. Selbstverständlich profitieren sie von allen, die die Maßnahmen mittragen und sich impfen lassen. Hoffen wir, dass auch hier aus negativ positiv wird!

P. Martin Werlen, Propst von St. Gerold.
P. Martin Werlen, Propst von St. Gerold.