Dornbirnerin mitten im Flüchtlingslager auf Lesbos

Vorarlberg / 27.05.2021 • 05:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Dornbirnerin mitten im Flüchtlingslager auf Lesbos
Julia Falkner arbeitet und wohnt seit sieben Jahren in Dornbirn. Derzeit ist sie in ihrem dritten Einsatz für Ärzte ohne Grenzen. ÄRZTE OHNE GRENZEN

Eine Dornbirnerin berichtet über die aktuelle Situation im Flüchtlingslager auf Lesbos.

Dornbirn Es gibt da dieses achtjährige Mädchen. Resignationssyndrom, lautet die Diagnose. Seit acht Monaten spricht sie kein Wort. „Sie malt nicht, sie geht nicht. Wenn man sie stupst, macht sie ein paar Schritte. Sonst macht sie nichts. Sie hat sich aufgegeben“, erzählt Julia Falkner. Die Dornbirnerin befindet sich seit Februar auf Lesbos. Sie ist als Hebamme für Ärzte ohne Grenzen im Flüchtlingslager Kara Tepe, ehemals Moria, im Einsatz. Sie berichtet den VN von katastrophalen Zuständen.

Kara Tepe: Flüchtlingslager auf europäischem Boden. <span class="copyright">Fotos: Moria White Helmets</span>
Kara Tepe: Flüchtlingslager auf europäischem Boden. Fotos: Moria White Helmets

Lesbos, Moria, Kara Tepe; so heißen die Synonyme für die gescheiterte europäische Flüchtlingspolitik. Rund 20.000 Menschen befinden sich derzeit in Lagern auf den griechischen Inseln Lesbos, Samos, Kios, Leros und Kos. 7500 wohnen im Lager Kara Tepe auf Lesbos, das eilig aus dem Boden gestampft wurde, als das Lager Moria abbrannte. Die griechische Regierung versucht, so wenig wie möglich aus den Lagern nach außen dringen zu lassen: Journalisten sind nicht erlaubt, selbst Hilfsorganisationen dürfen keine Fotos schießen. Was bleibt, sind Fotos der Bewohner selbst sowie Berichte von Hilfsorganisationen. Auch Julia Falkner spricht über die Zustände. In einem Satz: „Es ist schon sehr schlimm.“

Fotos aus dem dem Flüchtlingslager auf Lesbos.<span class="copyright"> Fotos: Moria White Helmets</span>
Fotos aus dem dem Flüchtlingslager auf Lesbos. Fotos: Moria White Helmets

Kara Tepe war einmal ein vergleichsweise humaner Ort. Ein kleines Flüchtlingslager auf Lesbos für besonders gefährdete Gruppen. Es gab befestigte WC-Anlagen, Container statt Zelte zum Wohnen. Hierher kamen alte Menschen, Frauen mit kleinen Kindern, Frauen, die im großen Camp Moria vergewaltigt worden sind. Sie sollten nicht mehr im selben Lager wie der Täter leben müssen. Rund 400 Menschen lebten dort, berichtet Falkner. Vor einigen Wochen war Schluss. „Mitten in der Nacht hat man angefangen, das Lager zu räumen. Es hat brutal geschüttet. Um fünf Uhr Früh hat man begonnen. Wir wussten, dass es bald soweit ist, aber den genauen Tag kannten wir nicht. Sie wollten keine Presse, auch keine Hilfsorganisationen dabei haben.“ Die Menschen mussten ins neue Kara Tepe, zu den anderen.

Fotos aus dem dem Flüchtlingslager auf Lesbos.<span class="copyright"> Fotos: Moria White Helmets</span>
Fotos aus dem dem Flüchtlingslager auf Lesbos. Fotos: Moria White Helmets

Die Menschen wohnen entweder in Zelten für Familien. Sie sind zehn bis 15 Quadratmeter groß, zwei Familien teilen sich eines; also ungefähr zehn Leute. Andere wohnen in Großraumzelten, in denen acht Leute auf Stockbetten schlafen, ohne Privatsphäre, ohne Fenster. Julia Falkner fährt fort: „Das muss man sich vorstellen. Frauen kommen kurz nach einer Entbindung wieder in solche Lebensumstände.“ Es gibt nur Dixieklo-Anlagen, ungefähr ein Klo pro 70 Einwohner. Im selben Verhältnis sind Duschen vorhanden. Die Sanitärbereiche sind schlecht beleuchtet und für Frauen und Kinder gefährlich. Immer wieder wird von Vergewaltigungen in den Toilettenbereichen berichtet. Frauen hören deshalb schon am Nachmittag auf, zu trinken. Müssen sie doch pinkeln, tun sie das in Plastikflaschen, in ihren Zelten ohne Privatsphäre.

Foto aus dem dem Flüchtlingslager auf Lesbos.<span class="copyright"> Fotos: Moria White Helmets</span>
Foto aus dem dem Flüchtlingslager auf Lesbos. Fotos: Moria White Helmets

Die Hebammen von Ärzte ohne Grenzen sind unter anderem für die Schwangerschaftsbetreuung zuständig. Ernährungsberatung gehört dazu. Aber das ist eigentlich sinnlos. Im Lager gibt es oft das Gleiche: irgendwas mit Bohnen, von schlechter Qualität. „Wer es möchte, muss schon am Vormittag anstehen“, erzählt die Dornbirnerin. Die Alternative: Die Bewohner gehen einkaufen. Es gibt zwei Ausgänge im Lager. Während Journalisten nicht rein dürfen, dürfen die Bewohner aber kaum raus. „Zwei Stunden pro Person und Woche sind erlaubt. Da können sie zum Beispiel Essen einkaufen. Allerdings nicht viel, es gibt keinen Kühlschrank, nicht einmal einen Kasten, wo man etwas aufbewahren kann.“

Foto aus dem dem Flüchtlingslager auf Lesbos.<span class="copyright"> Fotos: Moria White Helmets</span>
Foto aus dem dem Flüchtlingslager auf Lesbos. Fotos: Moria White Helmets

Die österreichische Bundesregierung möchte die Menschen aus Lesbos nicht aufnehmen. Sie setzt auf Hilfe vor Ort. Im Herbst kündigte sie an, gemeinsam mit dem SOS Kinderdorf eine Kinderbetreuungsstätte aufzubauen. „Wenn man sich vorstellt, dass man Container mit einer Kapazität für 50 bis 100 Kinder aufbauen will, aber 2500 Kinder im Lager leben, sieht man gleich: Das ist einfach zu wenig“, rechnet Julia Falkner vor. Hilfe vor Ort sei ein Tropfen auf den heißen Stein. „Das Einzige, was die Situation besser macht, wäre es, die Leute aus dieser Hölle rauszuholen.“

Foto aus dem dem Flüchtlingslager auf Lesbos.<span class="copyright"> Fotos: Moria White Helmets</span>
Foto aus dem dem Flüchtlingslager auf Lesbos. Fotos: Moria White Helmets

Julia Falkner und ihre Kolleginnen betreuen ungefähr 120 Schwangere pro Monat. Derzeit leben schon 2500 Kinder in diesem Lager. Seit Corona haben auch die letzten möglichen Aktivitäten, nämlich Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen, geschlossen. „Manche sitzen einfach im Schlamm, spielen vielleicht ein bisschen mit Steinen oder machen gar nichts.“ Auf Lesbos gibt es eine Klinik für psychische Probleme mit einer extra Abteilung für Kinder. In seltenen Fällen geht es so weit, dass Kinder aufhören zu sprechen. Wie das achtjährige Mädchen.