Vorsicht, blinde Passagiere im Anmarsch!

Vorarlberg / 18.06.2021 • 19:02 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Großer Höckerflohkrebs (lat. Dikerogammarus villosus)» 2002 erstmals im Bodensee nachgewiesen» Wie eingeschleppt? Nicht sicher, wurde aber zuerst im Überlinger See gefunden. Das zunächst isolierte Vorkommen in einem begrenzten Bereich des Überlinger Sees lässt auf eine durch Menschen beeinflusste Einschleppung schließen - sei es durch Boote oder durch entsorgtes Aquariumwasser» Wo kommt er vor? Im gesamten See.» Welche Probleme kann er verursachen? Verdrängt bzw. frisst andere Flohkrebse und wirbelose Tiere, die für Fische und andere größere Tiere als Nahrung wichtig sind – im Englischen wird er daher auch“ killer shrimp“ genannt.

Großer Höckerflohkrebs
(lat. Dikerogammarus villosus)

» 2002 erstmals im Bodensee nachgewiesen

» Wie eingeschleppt? Nicht sicher, wurde aber zuerst im Überlinger See gefunden. Das zunächst isolierte Vorkommen in einem begrenzten Bereich des Überlinger Sees lässt auf eine durch Menschen beeinflusste Einschleppung schließen – sei es durch Boote oder durch entsorgtes Aquariumwasser

» Wo kommt er vor? Im gesamten See.

» Welche Probleme kann er verursachen? Verdrängt bzw. frisst andere Flohkrebse und wirbelose Tiere, die für Fische und andere größere Tiere als Nahrung wichtig sind – im Englischen wird er daher auch“ killer shrimp“ genannt.

Die invasiven, gebietsfremden Arten im Bodensee bereiten bereits ernste Probleme.

Schwarzach, Innsbruck Eigentlich gehören sie gar nicht hier her: Im Bodensee gibt es mindestens 37 invasive, gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten. „Der erste aufgezeichnete Eindringling war 1850 der Bachflohkrebs, einer der letzten die Quagga-Muschel im Jahr 2016, und es ist zu erwarten, dass weitere folgen werden“, sagt Markus Möst, Evolutionsökologe am Institut für Ökologie an der Uni Innsbruck und Forschungsmitglied beim Projekt SeeWandel.

Die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) warnt derzeit mit Plakaten vor den Invasoren: „Vorsicht, blinde Passagiere“, ist darauf zu lesen. Die zentrale Botschaft der Sensibilisierungskampagne: Die Verbreitung in andere Seen muss unbedingt gestoppt werden; Wasserfahrzeuge oder die Taucherausrüstung sollten daher vor dem Wechsel in ein anderes Gewässer unbedingt gründlich gereinigt und vollständig getrocknet werden.

Die invasiven Arten sind Möst zufolge unter beabsichtigtem oder unbeabsichtigtem Zutun von Menschen in den Bodensee gelangt. „Die Wiedereröffnung des Main-Donau Kanals 1992, der Transport von Booten zwischen Seen, das Freisetzen von Pflanzen und Tieren durch Aquarianer“, zählt der Evolutionsökologe auf.

Unklare Auswirkungen

Dass sich die Eindringliche teils massiv vermehren konnten, sei oft auch deshalb möglich gewesen, weil der Bodensee seit dem letzten Jahrhundert starke Veränderungen durchgemacht hat. Markus Möst erläutert: „Die Überdüngung und nachfolgende Renaturierung durch Kläranalagen, das Phosphatverbot sowie der Klimawandel haben die ökologischen Bedingungen mehrmals verändert. Die Invasoren verändern das Ökosystem weiter, mit teils unklaren Auswirkungen für die Funktion und Stabilität des Ökosystems.“

Quagga-Alarm

Im Rahmen des Projekts „SeeWandel“, das im Jänner 2018 gestartet ist und von der IGKB mitinitiiert wurde, befassen sich die Forscher von sieben Instituten in Deutschland, der Schweiz und Österreich mit den Zuwanderern im Bodensee. „Diese Arten verdrängen zum Teil die ursprünglichen Arten, indem sie sie fressen, um ihren Lebensraum bzw. Nahrung konkurrieren oder die Lebensbedingungen so verändern, dass andere Arten nicht mehre existieren könnten. Manchmal können sich die eingewanderten Arten auch mit den heimischen Arten kreuzen und so den Genpool der ursprünglichen Art verändern, wie etwa bei den Wasserflöhen“, berichtet der Evolutionsökologe.

Die beiden Tierarten, die sich derzeit am stärksten auf das ökologische Gleichgewicht des Sees auswirken, sind die Quagga-Muschel und der Stichling. „Generell breiten sich die Eindringliche rasch über den See aus. Sobald sich eine invasive Art im See ausgebreitet hat, ist es sehr schwierig und meist unmöglich, sie wieder loszuwerden“, sagt der Wissenschaftler. Beispiel Quagga-Muschel: Die bis zu vier Zentimeter großen Weichtiere wurden 2016 das erste Mal im Bodensee nachgewiesen. Mittlerweile sind sie bereits an den tiefsten Stellen des Bodensees anzutreffen und die Forscher sind sich einig: Wenn die Entwicklung ähnlich wie an vergleichbaren Seen in den USA verläuft, hat die Quagga-Muschel innert kurzer Zeit den gesamten See besiedelt. Manchmal kann es auch dauern, bis eine invasive Art problematisch wird. Markus Möst verweist auf den Dreistacheligen Stichling: „Der ist seit den 1950er-Jahren im See und war meist nur in geringen Dichten vorhanden, bis er dann 2014 der häufigste Fisch im See war.“ VN-ger

„Sobald sich eine Art ausgebreitet hat, ist es sehr schwierig, sie wieder loszuwerden.“

Kamberkrebs (lat. Orconectes limosus)» In den 1980er-Jahren erstmals im Bodensee nachgewiesen» Wie eingeschleppt? Nicht sicher, vermutlich aber durch Aquarianer oder sogar mit Absicht (kann gegessen werden)» Wo kommt er vor? Im Uferbereich, vor allem im Untersee, teils in sehr hohen Dichten» Welche Probleme kann er verursachen? Verdrängt heimische Krebsarten, überträgt aber vor allem, wie auch andere nordamerikanische Krebse im See, die Krebspest, einen Krankheitserreger, der den heimischen Arten wie Edel- und Steinkrebs stark zusetzt.

Kamberkrebs (lat. Orconectes limosus)

» In den 1980er-Jahren erstmals im Bodensee nachgewiesen

» Wie eingeschleppt? Nicht sicher, vermutlich aber durch Aquarianer oder sogar mit Absicht (kann gegessen werden)

» Wo kommt er vor? Im Uferbereich, vor allem im Untersee, teils in sehr hohen Dichten

» Welche Probleme kann er verursachen? Verdrängt heimische Krebsarten, überträgt aber vor allem, wie auch andere nordamerikanische Krebse im See, die Krebspest, einen Krankheitserreger, der den heimischen Arten wie Edel- und Steinkrebs stark zusetzt.

Wasserfloh (lat. Daphnia galeata)» 1956 erstmals im Bodensee nachgewiesen» Wie eingeschleppt? Kommt in der Region natürlich vor, allerdings in nährstoffreichen Gewässern, vor der Überdüngung daher nicht im Bodensee» Wo kommt er vor? Im ganzen See» Welche Probleme kann er verursachen? Er ist seit der Renaturierung durch Kläranalagen und dem Phosphatverbot zwar stark im Rückgang, hat sich aber während seiner Anwesenheit mit der heimischen Wasserflohart Daphnia longispina gekreuzt und damit den Genpool der Wasserflöhe nachhaltig verändert. Die Konsequenzen der genetischen Veränderung dieser ökologisch wichtigen Art werden nun untersucht. Vor wenigen Jahren ist eine dritte Wasserflohart (lat. Daphnia cucullata) in den See eingewandert, mit noch unklaren Konsequenzen.

Wasserfloh (lat. Daphnia galeata)

» 1956 erstmals im Bodensee nachgewiesen

» Wie eingeschleppt? Kommt in der Region natürlich vor, allerdings in nährstoffreichen Gewässern, vor der Überdüngung daher nicht im Bodensee

» Wo kommt er vor? Im ganzen See

» Welche Probleme kann er verursachen? Er ist seit der Renaturierung durch Kläranalagen und dem Phosphatverbot zwar stark im Rückgang, hat sich aber während seiner Anwesenheit mit der heimischen Wasserflohart Daphnia longispina gekreuzt und damit den Genpool der Wasserflöhe nachhaltig verändert. Die Konsequenzen der genetischen Veränderung dieser ökologisch wichtigen Art werden nun untersucht. Vor wenigen Jahren ist eine dritte Wasserflohart (lat. Daphnia cucullata) in den See eingewandert, mit noch unklaren Konsequenzen.

Zebramuschel (lat. Dreissena polymorpha)» Mitte der 1960er-Jahre erstmals im Bodensee nachgewiesen» Wie eingeschleppt? Sie kommt ursprünglich aus dem Schwarzmeerraum, die Einschleppung erfolgte vermutlich mit Booten.» Wo kommt sie vor? Im ganzen See in Ufernähe.» Welche Probleme kann sie verursachen? Hat heimische Arten verdrängt und aufgrund ihrer großen Anzahl starke Auswirkungen auf die Schweb- und Nähstoffe im Wasser und im Gesamtökosystem (filtert, wie alle Muscheln, Wasser). Dienen überwinternden Wasservögeln als Nahrung. Die abgelagerten Schalen verändern das Ufersubstrat. Rohre können zuwachsen.

Zebramuschel (lat. Dreissena polymorpha)

» Mitte der 1960er-Jahre erstmals im Bodensee nachgewiesen

» Wie eingeschleppt? Sie kommt ursprünglich aus dem Schwarzmeerraum, die Einschleppung erfolgte vermutlich mit Booten.

» Wo kommt sie vor? Im ganzen See in Ufernähe.

» Welche Probleme kann sie verursachen? Hat heimische Arten verdrängt und aufgrund ihrer großen Anzahl starke Auswirkungen auf die Schweb- und Nähstoffe im Wasser und im Gesamtökosystem (filtert, wie alle Muscheln, Wasser). Dienen überwinternden Wasservögeln als Nahrung. Die abgelagerten Schalen verändern das Ufersubstrat. Rohre können zuwachsen.

Quagga-Muschel (lat. Dreissena rostriformis bugensis)» 2016 erstmals im Bodensee nachgewiesen» Wie eingeschleppt? Nicht sicher, wahrscheinlich vom Rhein. Quagga-Muscheln wurden schon vorher in Basel gesichtet. Boote sind ideale Transportvehikel (Oberflächenbewuchs oder Larven im Ballastwasser oder mittransportierten Wasser).» Wo kommt sie vor? Über den ganzen See verteilt und in immer größerer Tiefe (wurden schon an tiefster Stelle gesichtet). Die genaue Ausbreitung wird im Moment erforscht.» Welche Probleme kann sie verursachen? Rohre (z. B. Kühlwasserrohre, Wasserrohre, Zuleitungen) wachsen zu. Eine Quagga-Muschel kann bis zu einem Liter Wasser pro Tag filtern. Dadurch entziehen die Weichtiere dem Wasser weitere Schweb- und Nährstoffe; das Wasser wird zwar klarer, es hat aber auch weniger Plankton, wodurch weniger Nahrung für Fische zur Verfügung steht. Sie behindern die Fischerei mit Bodennetzen.

Quagga-Muschel (lat. Dreissena rostriformis bugensis)

» 2016 erstmals im Bodensee nachgewiesen

» Wie eingeschleppt? Nicht sicher, wahrscheinlich vom Rhein. Quagga-Muscheln wurden schon vorher in Basel gesichtet. Boote sind ideale Transportvehikel (Oberflächenbewuchs oder Larven im Ballastwasser oder mittransportierten Wasser).

» Wo kommt sie vor? Über den ganzen See verteilt und in immer größerer Tiefe (wurden schon an tiefster Stelle gesichtet). Die genaue Ausbreitung wird im Moment erforscht.

» Welche Probleme kann sie verursachen? Rohre (z. B. Kühlwasserrohre, Wasserrohre, Zuleitungen) wachsen zu. Eine Quagga-Muschel kann bis zu einem Liter Wasser pro Tag filtern. Dadurch entziehen die Weichtiere dem Wasser weitere Schweb- und Nährstoffe; das Wasser wird zwar klarer, es hat aber auch weniger Plankton, wodurch weniger Nahrung für Fische zur Verfügung steht. Sie behindern die Fischerei mit Bodennetzen.

Dreistacheliger Stichling (lat. Gasterosteus aculeatus)» In den 1940er-Jahren erstmals im Bodensee nachgewiesen» Wie eingeschleppt? Nicht sicher, wurde wahrscheinlich absichtlich oder unabsichtlich eingesetzt, da Stichlinge zu dieser Zeit auch beliebte Aquarienfische waren.» Wo kommt er vor? Anfangs recht unauffällig in Ufernähe, lediglich in den 70er-Jahren gab es ein Massenvorkommen in Ufernähe. Ab etwa 2012 explodierte die Population. Kommt heute auch in Schwärmen im Freiwasser (Pelagial) in sehr hoher Dichte vor. Zum Teil der häufigste Fisch im See.» Welche Probleme kann er verursachen? In Massen „verstopfen“ sie die Netze der Fischer (kein Speisefisch) und konkurrieren mit den Felchen. Vermutlich verändern sie durch ihr Massenauftreten und Fressverhalten auch die Zooplanktongemeinschaften (wird derzeit untersucht)

Dreistacheliger Stichling (lat. Gasterosteus aculeatus)

» In den 1940er-Jahren erstmals im Bodensee nachgewiesen

» Wie eingeschleppt? Nicht sicher, wurde wahrscheinlich absichtlich oder unabsichtlich eingesetzt, da Stichlinge zu dieser Zeit auch beliebte Aquarienfische waren.

» Wo kommt er vor? Anfangs recht unauffällig in Ufernähe, lediglich in den 70er-Jahren gab es ein Massenvorkommen in Ufernähe. Ab etwa 2012 explodierte die Population. Kommt heute auch in Schwärmen im Freiwasser (Pelagial) in sehr hoher Dichte vor. Zum Teil der häufigste Fisch im See.

» Welche Probleme kann er verursachen? In Massen „verstopfen“ sie die Netze der Fischer (kein Speisefisch) und konkurrieren mit den Felchen. Vermutlich verändern sie durch ihr Massenauftreten und Fressverhalten auch die Zooplanktongemeinschaften (wird derzeit untersucht)

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