Wahlärzte in die Pflicht genommen

Vorarlberg / 04.07.2021 • 17:58 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die niedergelassenen Vertragsärzte stehen enorm unter Druck. Die ÖGK will deshalb auch die Wahlärzte ins System bringen. apa
Die niedergelassenen Vertragsärzte stehen enorm unter Druck. Die ÖGK will deshalb auch die Wahlärzte ins System bringen. apa

ÖGK-Landesstellenvorsitzender verlangt eine Änderung des Systems.

dornbirn Schweres Geschütz fährt Manfred Brunner gleich zu Beginn seiner Funktionsperiode als ÖGK-Landesstellenleiter auf. Er fordert, dass Wahlärzte bei der Sicherstellung der Patientenversorgung im niedergelassenen Bereich künftig stärker in die Pflicht genommen werden. Gleiches hält er bei Spitalsärzten für notwendig, die außerhalb des Krankenhauses eine Wahlarztpraxis betreiben. Um bestehende Engpässe zu beseitigen, hat die ÖGK bekanntlich Teilstellen geschaffen, die von Spitalsärzten belegt werden könnten, doch das Interesse ist enden wollend. Für Brunner heißt das: „Das Land als Dienstgeber soll Nebentätigkeiten für Spitalsärzte nur noch dann bewilligen, wenn diese die Vertragsärzte draußen unterstützen.“

Bei den niedergelassenen Ärzten rollt die Pensionswelle. Der Generationenwechsel hat 2014 begonnen und wird sich noch bis 2025 fortsetzen. Bislang konnten 90 durch Pensionierungen vakant gewordene Vertragsstellen nachbesetzt und 30 neue geschaffen werden. Trotzdem gestaltet sich die Rekrutierung von Ärzten für den niedergelassenen Bereich immer schwieriger.

Viele Möglichkeiten

Gründe dafür sind laut Manfred Brunner auch geänderte Ansprüche und Einstellungen. So würden junge Mediziner oft den unternehmerischen Aufwand scheuen. „Die Seite des Ärzteberufs ist nicht besonders beliebt.“ Der Umstand, dass inzwischen 60 Prozent der Absolventen an den MedUnis Frauen sind, stelle zusätzlich neue Bedürfnisse an das Gesundheitssystem.

Langsam scheint guter Rat allerdings teuer. „Gemeinsam mit der Ärztekammer haben wir gemacht, was möglich war“, listet Brunner die Möglichkeit von Gruppenpraxen, die verschiedenen Formen des Job-Sharings, die Anstellung von Ärzten bei Ärzten sowie das Dringlichkeitsterminsystem als Beispiele auf. Zudem sei die Honorarordnung im Sinne der Ärzte deutlich verbessert worden. Derzeit hat die ÖGK 340 Allgemeinmediziner und Fachärzte auf Vertragsstellen, davon sind neun vakant, aber: „Wir wollen alle Stellen besetzen“, betont Brunner. Deshalb drängt er darauf, dass auch die Wahlärzte ihren Teil zur Versorgungssicherheit beitragen: „Wir brauchen sie im öffentlichen System.“ Geht es nach dem ÖGK-Landesvorsitzenden, sollen Wahlärzte die gleichen Pflichten übernehmen wie Vertragsärzte. Dazu gehören kostenlose Sachleistungen, vereinbarte Öffnungszeiten, Nacht- und Wochenenddienste sowie Vertretungsreglungen.

Ungleicher Wettbewerb

Noch sind Wahlärzte davon ausgenommen und haben zudem Tariffreiheit. „Das ist ein ungleicher Wettbewerb zum Schaden der Patienten, und der gehört schnellstens beseitigt“, spricht Manfred Brunner Klartext. Jeder bemühe sich, um jede Stelle werde gerungen, und dann genieße eine Gruppe so viele Vorteile. Das könne es nicht sein. „In dieser Form sind die Wahlärzte nur bedingt versorgungswirksam“, unterstreicht er sein Ansinnen. Als Versichertenvertreter müsse er eine Änderung einfordern, zumal die Vertragsärzte stark unter Druck stünden. Das wird auch aus Zuschriften ersichtlich, in denen sich Patienten immer wieder über nicht oder nur schwer erreichbare Ärzte beklagen. Für Brunner steht fest: „Entweder wir können Wahlärzte als Vertragsärzte gewinnen oder sie übernehmen zumindest die gleichen Aufgaben wie Vertragsärzte.“

Das Problem: Diese Sache lässt sich nicht im Land lösen. Das müsste der Gesetzgeber auf Bundesebene richten. Nach Meinung von Brunner ist sie auch nicht mit Geld zu lösen. Der einzig richtige Weg aus seiner Sicht: „Wahlärzte ins System bringen und damit Chancengleichheit schaffen.“ Anders ist es bei den Spitalsärzten, die draußen eine Wahlarztpraxis führen. Dort könnte das Land als Dienstgeber einschreiten, und genau das verlangt der ÖGK-Landesstellenleiter.

Die ÖGK gibt jährlich rund 620 Millionen Euro für Versichertenleistungen aus. Davon entfallen etwa 130 Millionen Euro auf ärztliche Hilfen, wie es im Buchhalterjargon heißt. Die Kostenrückerstattung an Wahlärzte macht unter zehn Prozent aus. Der Großteil geht an die Vertragsärzte. Manfred Brunner weiß wohl, dass er sich mit seiner Forderung in der Ärzteschaft nicht nur Freunde macht. Ohne eine Änderung bei den Wahlärzten sieht er aber schwere Zeiten auf das System zukommen. VN-MM

„Das ist ein ungleicher Wettbewerb zum Schaden der Patienten und gehört beseitigt.“