Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Die Greta Thunbergs sollen laut bleiben

Vorarlberg / 05.07.2021 • 22:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ja, darf sie denn das? Wenn die junge Klima-Aktivistin Greta Thunberg auf dem Austrian World Summit vergangene Woche via Schaltung zu Politik und Prominenz spricht, geht das so manchem Erwachsenen wohl zu weit – von angewandter Diplomatie hält die 18-jährige Schwedin bekanntermaßen wenig. „Was Sie machen, hat nichts mit Klimaschutz zu tun oder mit dem Reagieren auf eine Krise“, sagt Thunberg ins Auditorium. Oder: „Sie tun so, als würden Sie sich verändern, wenn Sie eigentlich genauso weitertun wie bisher.“ Thunberg darf das natürlich, als warnenden Stimme einer Generation, die von den Folgen der Klimakrise massiv betroffen sein wird.

Über Greta Thunberg kann man sich so schön aufregen, wenn man will. Ihre Geschichte hat ja viele emotionsfördernde Momente: Eltern, die ihre Tochter „verheizen“, das Mädchen mit dem Asperger-Syndrom, die professionelle PR-Maschine rund um die junge Frau, die mit den 2018 initiierten Schulstreiks zur globalen Identifikationsfigur der „Fridays for Future“ wurde. Beim Wiener Klimagipfel in der Spanischen Hofreitschule mit Schirmherr Arnold Schwarzenegger gibt es abseits von Thunberg vor allem die üblichen Botschaften – und diese sollten gerade die Medien einfach halten, um die Menschen mit dem komplexen Klima-Thema besser erreichen zu können, meint Schwarzenegger: „We can terminate pollution“, also „Wir können die Verschmutzung beenden“. Wenn sich die Verschmutzung nur vor dem Terminator fürchten würde.

Corona als Alarmübung

In den zurückliegenden Monaten der Pandemie hat man die Stimmen der Klima-Aktivistinnen und -Aktivisten nicht so wahrgenommen, alles war Corona. Das Virus wirkte dabei allerdings wie ein Verstärker gesellschaftlicher Entwicklungen. Die Digitalisierung wurde schneller vorangetrieben, die Individualisierung in den Wettbewerbsgesellschaften weiterbefördert oder der Rückzug ins Private noch mehr verstärkt. Der Kampf gegen die Pandemie brauchte so keine Momente der großen Veränderung – oder gar grundlegende Erkenntnisse für den gemeinsamen Kampf gegen die Klimakrise. Unstimmigkeiten in der EU, Uneinigkeit im eigenen Land, von der Organisation des Impfstoffs bis hin zur Impfung: Wie soll man sich so effektiv gegen eine weltweite Bedrohung wehren, gegen die es leider keine Impfung gibt? Eine Bedrohung, die noch weitaus komplexer zu lösen ist als die Auslöschung eines Virus? Corona ist so etwas wie eine große Alarmübung, aus der wir leider noch nicht so viel gelernt haben.

Die Greta Thunbergs sollen laut bleiben, sie müssen unbequem und undiplomatisch sein. Nur mit Diplomatie und Durchhalteparolen wird man die Bedrohung unserer – und vor allem ihrer – Lebenswelt jedenfalls nicht lösen.

„Corona ist so etwas wie eine große Alarmübung, aus der wir leider noch nicht so viel gelernt haben.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.