Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Die andere Seite der Macht

Vorarlberg / 07.07.2021 • 21:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht“, lautet eine auf den amerikanische Präsidenten Abraham Lincoln zurückgehende Weisheit. Damit soll ausgedrückt werden, dass Macht neben den vielen positiven und negativen Auswirkungen auf Umgebung und Mitmenschen der Mächtigen auch diese selbst verändert, und das nicht immer zum Guten.

Das Streben nach Macht, also der Fähigkeit zur Steuerung des Denkens und Verhaltens anderer, ist etwas zutiefst Menschliches. Denn Machtgefühle aktivieren ähnlich wie manche Drogen das Belohnungssystem im Gehirn, was zur Erhöhung des Selbstwertgefühls, zur Verbesserung von Stimmung und Motivation, zur Reduzierung der Ängste und Steigerung des Leistungsvermögens führt. „Macht macht klüger, ehrgeiziger, aggressiver und konzentrierter“ hat es der britische Neurowissenschaftler Ian Robertson auf den Punkt gebracht.

Die Hirnforschung hat aber auch die aus Menschheitsgeschichte und unzähligen Leiderfahrungen bekannten negativen Einflüsse der Macht bewiesen: Sie verführt die Mächtigen, sich über geltende Normen hinwegzusetzen, für sich eigenen Gesetze zu schaffen, die Ichgrenzen der Mitmenschen zu überschreiten und die emotionale Distanz zu den Machtlosen zu vergrößern. Machtbewusste verlieren die Fähigkeit zu Selbstreflexion, lassen keine Kritik mehr zu und werden immer weniger teamfähig. Besonders bedrohlich und für viel menschliches Unglück verantwortlich ist die aufseiten der Mächtigen stets lauernde Gefahr des Umschlagens von Macht in Aggression. Dieser destruktive Aspekt ist zudem bei „inkompetenten Mächtigen“ unglücklicherweise am stärksten ausgeprägt. Macht birgt somit tatsächlich die Gefahr, das Gehirn aus dem Gleichgewicht zu bringen und die Persönlichkeit in eine narzisstische Richtung zu verändern.

Erhält ein Mensch Macht, verdirbt dies nicht zwangsläufig seinen Charakter. Wohl aber zeigen sich dann ganz neue, bis dahin nicht bekannte Züge seiner Persönlichkeit. Deren Stärke, Art und Reife wird durch nichts klarer sichtbar als durch den Umgang mit Macht. Den Gefahren der Droge Macht könnte am ehesten durch Offenheit, Transparenz und Reflexion, aber auch Kontrolle von außen und zeitliche Beschränkung der Machtüberantwortung begegnet werden. Wenn etwa die Amtszeit der amerikanischen Präsidenten auf 8 Jahre beschränkt wird, macht dies auch psychologisch Sinn. Am wichtigsten aber ist – wieder einmal – die Rettung der Empathie, die als Erstes durch falsch ausgeübte Macht verloren geht.

„Das Streben nach Macht, also der Fähigkeit zur Steuerung des Denkens und Verhaltens anderer, ist etwas zutiefst Menschliches.“

Reinhard Haller

reinhard.haller@vn.at

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.