Evaluierung und viel Streit

Vorarlberg / 07.07.2021 • 21:36 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Immer wieder empören sich die Anrainer der L 203 über die Verkehrsbelastung und demonstrieren. VN/Steurer
Immer wieder empören sich die Anrainer der L 203 über die Verkehrsbelastung und demonstrieren. VN/Steurer

S 18 steht auf dem Prüfstand. Das lässt Wogen hochgehen.

Lustenau, Bregenz, Wien Werner Alfare (71) lebt seit seiner Kindheit an der L 203. „Ich kann mich noch erinnern, wie wir auf der Straße Fußball spielten. Autos fuhren nur gelegentlich vorbei. Dass es durch die wachsende Bevölkerung und den Wirtschaftsaufschwung nun viel mehr Verkehr gibt, ist natürlich nachvollziehbar. Aber nicht, dass wir seit vielen Jahren ungeschützt einer derartigen Belastung ausgesetzt sind.“ Alfare ist erbost über die Ministerin. „Was heißt denn Klimaschutz? Gehören wir da nicht dazu? Ist jeder seltene Vogel wichtiger als wir? Der Verkehr verschwindet nicht einfach. In welcher Zeit und an welchem Ort lebt denn die Ministerin, um so aufzutreten?“

Dem Lustenauer fehlt bei den Argumenten die Gewichtung. Er hat kein Verständnis dafür, dass ein jahrelang geplantes Projekt jetzt womöglich über den Haufen geworfen wird.

Lob für Gewessler

Naturgemäß anders sieht die Dinge Eugen Schneider (67), Sprecher der neuen Initiative gegen die CP-Variante. „Die Ministerin hat bereits vorher durchklingen lassen, dass sie eine Evaluierung dieses Projekts durchführen will. Es sind jetzt neue Aspekte wie die neu zu bauende Brücke in Lustenau oder die Gewerbeansiedelungen in Widnau aufgetaucht. Eine neue Variantendiskussion ist daher gerechtfertigt. Ich begrüße den gesetzten Schritt von Leonore Gewessler.“

In dieselbe Kerbe schlägt Johannes Hartmann, Sprecher der Fridays-for-Future-Bewegung Vorarlberg. „Ein Projekt wie die S 18 macht es praktisch unmöglich, die Pariser Klimaziele zu erreichen und somit eine lebenswerte Zukunft für kommende Generationen zu garantieren“, meint Hartmann in einer Aussendung. Die erneute Evaluierung ist aus seiner Sicht „ein kleiner, aber wichtiger Schritt in die richtige Richtung“.

Irritationen

Irritiert auf die Gewessler-Pläne reagiert die Wirtschaftskammer Vorarlberg. „In einer regelrechten Nacht-und-Nebel-Aktion eine Evaluierung – wie es die Ministerin nennt – anzusetzen, ohne zuvor ein Bekenntnis zur Lösungsfindung abzugeben, ist für uns inakzeptabel“, äußert sich Michael Zimmermann, Spartenobmann Transport und Verkehr in der Wirtschaftskammer Vorarlberg. In die Pflicht nimmt Zimmermann Mobilitäts- und Umweltlandesrat Johannes Rauch (62). ,,Wir möchten den Herrn Landesrat daran erinnern, dass er als Regierungspartner das Programm unserer Landesregierung mitträgt und sich somit auch zu der darin verankerten Umsetzung der S 18 bekennt. Zumindest hat er das Arbeitsprogramm unterzeichnet.“

Heftige Reaktionen

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Evaluierungspläne für die S 18 hatte Landeshauptmann Markus Wallner (53) scharfe Kritik an der Ministerin geübt – die VN berichteten. Er war empört, drohte mit einem heißen Herbst, sollte Gewessler das Projekt gefährden wollen. Auch der Lustenauer Bürgermeister Kurt Fischer (57) zeigte sich von den Maßnahmen Gewesslers brüskiert. Er schäme sich, bei den Schweizer Nachbarn mit dieser Neuigkeit aufwarten zu müssen. Umweltlandesrat Johannes Rauch kann die Kritik nicht nachvollziehen. Gewessler mache im Sinne des Erreichens der Klimaziele nur ihren Job.

„In welcher Zeit und an welchem Ort lebt die Ministerin denn, um so aufzutreten?“

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