Die Rolle der Landwirte im Klimaschutz

Vorarlberg / 08.07.2021 • 12:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Rolle der Landwirte im Klimaschutz
Gymnastik zur Auflockerung: auch für Landtagsabgeordnete unabdingbar.

Aktuelle Stunde diskutierte das Spannungsfeld zwischen Klimaschutz und Landwirtschaft.

Bregenz Landwirtschaft und Klimaschutz, Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Wie kompliziert, zeigt die Aktuelle Stunde am Donnerstag im Landtag. Sind Landwirte Klimakiller? Sind sie die größten Opfer der Klimaerwärmung? Sind sie Teil der Lösung? Sie sind irgendwie alles, aber eines vor allem: wichtig. Das beteuern die Vertreter aller fünf Landtagsparteien.

Das Thema setzten die Grünen auf die Tagesordnung. Es obliegt also Klubobmann und Parteichef Daniel Zadra, die Diskussion zu eröffnen. Und zwar mit Bildern; Bilder von dem Feuer im Meer, das kürzlich von einer Gaspipeline verursacht wurde, Bilder von der Hitze in Kanada, Bilder vom Tornado in Europa. “Zehn Prozent der Treibhausgase stammen aus der Landwirtschaft”, rechnet er vor. “Tierhaltung, Düngemittel und Pestizide sind die Haupttreiber.” Gleichzeitig sei keine andere Branche so direkt vom Klimawandel betroffen. Zadra kritisiert die Einigung der EU-Mitgliedsstaaten zur neuen Landwirtschaftsförderung (GAP) und präsentiert vier Vorschläge für Vorarlberg: Eine Änderung der Alpförderung, mehr Hummus, Verdoppelung des Bioanteils und den Aktionsplan nachhaltiger Beschaffung des Bundes im Land umsetzen. Zadra lobt die Landwirte, denn die Bauern, vor allem auf der Alpe, würden Enormes leisten.

Daniel Zadra mit Bild eins ...
Daniel Zadra mit Bild eins ...
... und Bild zwei.
... und Bild zwei.

FPÖ-Mandatar Daniel Allgäuer, einst selbst einer der größten Landwirte in Vorarlberg, erinnert Zadra daran, dass die Grünen sowohl im Land als auch im Bund in der Regierung sitzen und vieles selbst in der Hand hätten. Auch er kritisiert die GAP und die Verhandlungsleistung der österreichischen Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) in Brüssel. Ihre Rolle bei der Umsetzung der Lebensmittelkennzeichnung in der Gastronomie tadelt er ebenfalls. Denn die Kennzeichnung sei der Schlüssel, damit Konsumenten sehen, was auf dem Teller landet. Allgäuer ärgert sich, dass Landwirte einerseits Unternehmer sein sollten, andererseits aber die Standards nach oben geschraubt werden. Der Konsument müsse entscheiden, was er kauft. “Das Kaufargument ist immer noch Nähe und Frische, nicht bio.” Er lobt die Arbeit der Bauern.

Daniel Allgäuer kritisiert die Landwirtschaftsministerin.
Daniel Allgäuer kritisiert die Landwirtschaftsministerin.

Für die Neos stellt sich Klubobfrau Sabine Scheffknecht ans Rednerpult. Auch sie kritisiert die GAP. Der Beschluss verteidige die alte Landwirtschaftspolitik. “Es gibt aber Spielraum”, fährt sie fort. Den müsse das Land und der Bund nützen. In der Landwirtschaftsstrategie fordert sie klare, ausformulierte Ziele, keine Schlagworte. “Entscheidend ist, dass wir Bauern entsprechend entlohnen, aber wie?”, fragt sie und antwortet direkt: Die Förderstruktur müsse überarbeitet werden. “Es gibt 100 verschiedene Fördermaßnahmen.” Viele zurecht, viele auch nicht. Auch sie hebt hervor, wie wichtig Landwirtschaft ist.

Sabine Scheffknecht kritisiert den Förderdschungel.
Sabine Scheffknecht kritisiert den Förderdschungel.

SPÖ-Parteichef Martin Staudinger widmet sich dem sozialen Aspekt der Landwirtschaftsförderung. Die Ungleichheit werde mit der GAP zementiert. “Derzeit wird nach Fläche gefördert. Wer hat, dem wird gegeben. Damit wird die Ungleichheit verstärkt. Die oberen vier Prozent der Bauern erhalten 22 Prozent der Förderung.” Österreich müsse bei der Umsetzung der GAP das Maximum herausholen. Zum Beispiel Förderungen an die Nutzung bzw. Nichtnutzung von Glyphosat oder an das Ende von Vollspaltböden knüpfen.

Martin Staudinger kritisiert soziale Ungerechtigkeit.
Martin Staudinger kritisiert soziale Ungerechtigkeit.

ÖVP-Mandatar Bernhard Feuerstein rückte aus, um die Landwirtschaft zu verteidigen. Er lese aus der Einladung zur Aktuellen Stunde den Vorschlag raus: “Retten wir das Klima, schaffen wir die Landwirtschaft ab.” Aber keine andere Branche habe das Kyotoziel erreicht, außer der Landwirtschaft. An Staudinger richtet er in seiner emotionalen Rede: “Landwirtschaftsgelder sind keine Sozialleistung, sondern mit Leistung verknüpft.” Er unterscheidet zwischen der ersten und der zweiten Förderungssäule, die zweite sei bereits sehr ökologisch ausgerichtet. Zudem sei Tierschutz der beste Weg, Tiere zur Milchleistung zu bringen. Seinem Parteikollegen Steve Mayr obliegt die Aufgabe, die Landwirtschaftsministerin zu verteidigen: Österreich sei eben klein, mit begrenzter Macht.

Bernhard Feuerstein kritisiert die Kritikerinnen und Kritiker.
Bernhard Feuerstein kritisiert die Kritikerinnen und Kritiker.
Christina Metzler hört gespannt zu.
Christina Metzler hört gespannt zu.

Dass Feuerstein die Landwirtschaft gegen nicht vorhandene Angriffe verteidigt, lässt Neos-Abgeordneten Gerfried Thür das Wort ergreifen: Er habe heute zugehört, bezweifelt aber, dass das auch die ÖVP getan hat. “Ich habe niemanden gehört, der gegen die Landwirtschaft gesprochen hat. Polemische Rhetorik bei diesem wichtigen Thema ist fehl am Platz.”

Auch Nicole Hosp lauscht den Ausführungen.
Auch Nicole Hosp lauscht den Ausführungen.

Auch Allgäuer kann die Abwehrreaktion nicht verstehen. Man dürfe sich bei inhaltlichen Diskussionen nicht sofort frontal konfrontiert fühlen.

Roland Frühstück ebenfalls.
Roland Frühstück ebenfalls.
Und für gehörlose Zuseher wurde die Debatte übersetzt.
Und für gehörlose Zuseher wurde die Debatte übersetzt.

Die Landesregierung äußert sich zunächst in Person von Agrarlandesrat Christian Gantner (ÖVP). Wenn die europäische Landwirtschaft zehn Prozent der Treibhausgase verursache, sei der Anteil in Vorarlberg sicher niedriger. Außerdem dürfe nicht vergessen werden, welche Rolle die Land- und Forstwirtschaft bei der CO2-Speicherung innehabe. Klar sei: Je höher die Standards im Tierwohl, desto größer die Ställe und Weiden, was wiederum kritisch gesehen wird. Auch er sieht die Regionalisierung der Lebensmittelversorgung als wichtigen Aspekt im Klimaschutz. Der CO2-Fußabdruck von Rindfleisch aus Brasilien sei wesentlich höher als jener von Fleisch aus Vorarlberg. Die größte Fehlentwicklung im Landwirtschaftsbereich sei die Bürokratisierung.

Christian Gantner hofft auf Regionalisierung der Landwirtschaft.
Christian Gantner hofft auf Regionalisierung der Landwirtschaft.

Auch der Grüne Landesrat Johannes Rauch tritt noch ans Rednerpult, um den Aspekt der ländlichen Entwicklung anzusprechen. In den vergangenen sieben Jahren habe Vorarlberg aus diesem Topf nur 2,2 Prozent des Österreichanteils erhalten. In der neuen Förderperiode müsse die Vorarlberger Politik geschlossen dafür kämpfen, dass es mehr wird. “Da braucht es einen Schulterschluss in Richtung Wien.”

Christof Bitschi scrollt.
Christof Bitschi scrollt.