Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Quälend

Vorarlberg / 09.07.2021 • 22:33 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Pandemie sei wie ein Marathon, heißt es immer wieder. Es ist wirklich so: Auf die letzten Meter hin wird es exponentiell härter, will das Ziel nicht näherrücken. Anders ausgedrückt: Anstelle einer „Rückkehr zur Normalität“ wartet mit der Delta-Variante eine weitere Herausforderung, die erst bewältigt werden muss.

Was hoffen lässt: Vor allem Personen, für die eine Infektion lebensgefährlich sein kann, sind geimpft. Das bedeutet, dass mit weniger Intensivpatienten und auch Todesfällen zu rechnen ist. Das ist gut so.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat gestern betont, dass die Einschränkung von Grund- und Freiheitsrechten kein Dauerzustand sein dürfe. Anhänger eines demokratischen Rechtsstaates können das nur unterschreiben. Auf der anderen Seite aber muss auch alles dafür getan werden, dass keine neuen Einschränkungen mehr notwendig, ja provoziert werden.

Ob die Entscheidung, mit 22. Juli weitere Lockerungen vorzunehmen, klug ist, sei dahingestellt. Experten, die in der Ampelkommission und im Prognosekonsortium des Gesundheitsministeriums sitzen, sind kritisch. Aber sie sind noch nie durchgedrungen bei der Politik: Diese tendiert zunehmend dazu, Unpopuläres zu unterlassen und Risiken einzugehen.

Wobei der Punkt ist, dass hier auch absolute Fahrlässigkeiten im Spiel sind. Beispiel 1: Für die Kontrolle über die Delta-Variante entscheidend wären PCR-Tests. Sie werden außerhalb Wiens, wo es ein niederschwelliges Angebot dazu gibt, de facto nicht durchgeführt. Beispiel 2: Beim Corona-Cluster im Ibiza-U-Ausschuss hat nicht nur ein betroffener FPÖ-Abgeordneter, sondern auch die zuständige Behörde in Niederösterreich tagelang gezögert, Kontaktpersonen zu informieren. Das ist besorgniserregend: Wenn das bei einer einstelligen Inzidenz nicht klappt, wird es bei einer zwei-, dreistelligen erst recht nicht funktionieren.

„Delta“ im Anmarsch

Zusätzlich Handlungsbedarf für Politik und Bürger besteht bei den Impfungen: Der Turbo hat nachgelassen, es sind noch keine 50 Prozent vollständig geschützt – und mitten in aller Sorglosigkeit ist jetzt „Delta“ im Anmarsch. Hier ist ein nationaler Kraftakt nötig, sonst droht ein böses Erwachen.

Siehe Großbritannien: Dort sind zwar mehr geimpft und infolge der bereits angerollten Infektionswelle gibt es auch bei Weiten nicht mehr so viele Spitalspatienten wie im Jänner, mit durchschnittlich 400 neuen pro Tag sind es aber schon vier Mal mehr als im Mai. Außerdem hat man auf der Insel festgestellt, dass „Long COVID“ gerade auch Jungen in großer Zahl zu schaffen machen kann. Das sollte man ernst nehmen. Hier geht es darum, dass nicht nur Lebensqualitäten, sondern auch die Leistungsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft beeinträchtigt werden.

„Noch keine 50 Prozent sind vollständig geimpft. Hier ist ein nationaler Kraftakt nötig, sonst droht ein böses Erwachen.“

Johannes Huber

johannes.huber@vn.at

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.