Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Riskantes Spiel

Vorarlberg / 11.07.2021 • 22:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es ist ein riskantes Spiel, das Sebastian Kurz mit der fast völligen Abkehr von der bisherigen Corona-Strategie betreibt. Während andere rechtspopulistische Regierungschefs wie der Niederländer Mark Rutte angesichts steigender Zahlen durch die Delta-Variante Klubs und Discos schließen und Festivals und andere Großveranstaltungen untersagen, gilt in Österreich bald wieder Freiheit lange entbehrten Ausmaßes. Kurz (und Minister Mückstein) haben einige gute Argumente angeführt, etwa dass bis September alle, die es wollen, die nötigen Impfungen für eine Vollimmunisierung haben werden, sodaß es keinen Grund mehr gebe, den Menschen viele Grund- und Freiheitsrechte zu entziehen. Die Vollimmunisierung kommt zwar später als von Kurz am 3. April prophezeit („In 100 Tagen sind alle geimpft, die das wollen“ – das wäre also heute, Montag). Aber dass dann auch alle Jugendlichen ab zwölf immunisiert sein werden, ist bemerkenswert.

Kurz und Mückstein hätten auch auf die großen sozialen Probleme (Arbeitslosigkeit, Lernprobleme vor allem bei Kindern aus sozial schlechter gestellten Familien, Suizidfälle) verweisen können.

Die Coronaleugner und die politischen Trittbrettfahrer wissen plötzlich nicht mehr, wogegen sie jetzt noch demonstrieren sollen. Etwa dagegen, dass es in Wien für Berufe in Sozialeinrichtungen oder Kindergärten eine Impfpflicht gibt? Vielleicht sollte man über eine solche für die Lehrerschaft diskutieren, denn ungeimpfte Lehrkräfte sind ein Risikofaktor für Kinder und Jugendliche. In Frankreich befürwortet immerhin bereits die Mehrheit der Bevölkerung eine generelle Impfpflicht, vor allem für das Personal in Krankenhäusern und Altenheimen. In den USA verlangen immer mehr Fluggesellschaften und Universitäten von ihrem Personal oder den Studenten einen Impfnachweis. Malta lässt nur noch Geimpfte ins Land.

Als einziges Mittel zur Eindämmung von Corona gilt eine hohe Impf-Quote. Die Herdenimmunität liegt noch in weiter Ferne. Der Präsident des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, spricht von 85 Prozent an nötiger Durchimpfungsrate: „Menschen, die skeptisch sind, müssen wir überzeugen. Die zehn Prozent, die sich ums Verrecken nicht impfen lassen wollen, werden ihre Immunität erreichen, indem sie eine Erkrankung durchmachen“. Überzeugung also. Weniger brauchen wir Anreize wie in Griechenland (150 Euro für den ersten Stich an Junge) oder London (Ticket-Verlosung für das EM-Finale)

Bei uns lautet das Rezept: Impfung ohne Voranmeldung. Bisherige Impfmuffel, die sich nicht angemeldet haben oder den Termin ungenutzt haben verstreichen lassen, stehen stundenlang in der Warteschlange. Das hätten sie billiger haben können, aber es sorgt für eine bessere Quote. Dass bei uns ein Impfbus zu Veranstaltungen kommt, wäre zwar nicht notwendig, wenn die Leute den Hausverstand einschalten würden, aber es hilft. Doch nicht alle werden plötzlich klüger. Die 3G-Regel gilt zwar für alle gleich, aber manche sind gleicher, nämlich unsere Parlamentarier. Nur Besucher des Parlaments brauchen Masken, nicht aber die Abgeordneten. Wie wir am Beispiel des FP-Maskenverweigerers Hafenecker gesehen haben, mit erheblichen Folgen, nicht nur für ihn selbst, sondern für viele in seinem Umfeld.

Angesichts der von Hafenecker ausgelösten Ansteckungen fragt sich der Doyen des heimischen Journalismus, Peter Michael Lingens in seinem Blog, ob der FPÖ-Mandatar mehr schlechtes Gewissen habe als er öffentlich zugibt: „Oder hat er das erst, wenn ein älteres Ausschuss-Mitglied mit einer Vorerkrankung an Covid 19 stirbt?“

„Die 3G-Regel gilt zwar für alle gleich, aber manche sind gleicher, nämlich unsere Parlamentarier.“

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.