Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Wie passiert sowas und warum nur mir?

Vorarlberg / 12.07.2021 • 18:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Naaa, nicht schon wieder“, sagt der Krüger. Der Krüger ist seit drei Tagen auf Besuch bei mir am Land – wie immer im Sommer, wenn es in der Stadt mehr als 35 Grad hat, und jetzt sitzt er in einem Liegestuhl und schaut mir dabei zu, wie ich meine Brille suche. Wieder einmal meine Brille suche. Unlängst, als ich den Autoschlüssel suchte, fragte Krüger, ob ich oft Dinge verlege, und ich sagte: „Nö, eigentlich selten“, und das war eher minderwahr. Was Krüger spätestens am Tag darauf merkte, als wir vom See zurück waren und dann kochen wollten, was nicht ging, weil ich meine gute Lesebrille nicht fand, und ohne Lesebrille seh ich nichts. Ich habe noch ein paar billige Lesebrillen aus dem Drogeriemarkt, sicherheitshalber, aber ich befürchtete, dass ich die gute Brille am Seeufer in der Wiese verloren hatte, und fuhr nochmal zurück. Es war schon Abend, es dämmerte schon, keine Leute mehr da, ich sah nur aus der Ferne zwei Fischer, die mit ihrem Auto über die Wiese ans Ufer gerollt waren, ziemlich genau über die Stelle, an der Krüger und ich zwei Stunden vorher gelegen waren. Das machte mir ein bisschen Sorgen, aber als ich unseren Platz absuchte, fand ich nicht nur meine intakte Lesebrille, sondern auch meine Sonnenbrille, deren Verlust ich noch nicht einmal bemerkt hatte. Danke, und nochmal danke. Der Krüger hat gelacht.

Die Lesebrille musste ich schon einmal nachkaufen, weil ich sie bei einer Lesung in Oberösterreich verloren hatte, eben war sie noch auf meiner Nase, dann war sie nicht mehr auf meiner Nase und auch nicht am Tisch oder in meiner Tasche, und sie tauchte auch nie wieder auf. Wie passiert sowas, und warum passiert es nur mir? Okay, die Brille war auch schon ein bisschen zerkratzt, weil sie mir ständig von der Nase gerutscht war, und stärkere Gläser vertrug es in der Zwischenzeit auch, aber sie hatte mir gefallen, also ließ ich mir die selbe nochmal machen.

Und das ist jetzt die, die ich unter Krügers spöttischen Blicken suche und unter dem Gartentisch, durch dessen Latten sie gerutscht war, endlich finde. Krüger applaudiert. Ich kann uns also zum Frühstück ein Porridge koche, mit frischen Marillen und süßen Erdbeeren, und als ich in dem blubbernden Porridge rühre, fällt mir die Brille aus dem Gesicht und mitten hinein. Heute Brillenmüsli, fein.

Sobald ich in der Stadt bin, gehe ich mit der Brille zum Brillenmann, und er wird sie mir wieder zurecht biegen und mir einen Bändel schenken, mit dem ich mir die Brille um den Hals hängen kann. Das werde ich zwei Tage machen, super, dann werde ich den Bändel verlieren, ich weiß auch nicht wie.

„. . . als ich unseren Platz absuchte, fand ich nicht nur meine intakte Lesebrille, sondern auch meine Sonnenbrille, deren Verlust ich noch nicht einmal bemerkt hatte.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.