„Ich habe einen Weg gefunden“

Vorarlberg / 14.07.2021 • 18:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Im Sommer wohnt Erika Feuerstein im Vorsäß auf der Alm. HRJ
Im Sommer wohnt Erika Feuerstein im Vorsäß auf der Alm. HRJ

Auf der Alp erinnert sich Erika Feuerstein an die Ferien bei der Großmutter.

EGG Kühl ist es und immer wieder fällt Regen aus den tief hängenden Wolken. Kein idealer Tag, um zum Kapf hinaufzufahren. Dort oben, hoch über Egg, auf 900 Metern Seehöhe, steht das Vorsäß der Feuersteins. Erika und Jodok Feuerstein bewohnen das zweistöckige Holzhaus – mit Ferienwohnung und Zimmer für Gäste – in den Sommermonaten. In der kalten Jahreszeit ziehen sie das Bauernhaus in Egg vor.

Erika bittet in die Küche. Man setzt sich auf die Eckbank im Herrgottswinkel. Bevor die 48-jährige halb Tschechin, halb Slowakin schildert, wie es sie auf diese Alm verschlagen hat, tischt sie Hackbraten, panierte Gemüselaibchen, italienischen Salat und als Nachtisch Böhmische Roulade auf.

In Südmähren aufgewachsen

„Ich hatte ein gutes Leben in Tschechien“, beginnt Erika zu erzählen, während sie den Tisch abräumt. „Aber seit 21 Jahren ist Vorarlberg mein Zuhause.“ Bis dorthin hatte sie ein abwechslungsreiches Leben geführt, das am 14. November 1972 in Napajedla begann. In dieser knapp 10.000-Einwohner-Stadt in Südmähren im Südosten Tschechiens, ist sie als Erika Zichová aufgewachsen, meistens unter der Obhut der Großmutter. Die Eltern – der Vater war Psychiater, ein Tscheche, die Mutter Krankenschwester aus der Slowakei – waren beruflich ausgelastet. „Die Oma starb, als ich elf Jahre alt war“, sagt Erika. Ihr Vater schied ein Jahr später dahin. Von da an lebte sie allein mit der Mutter. Über deren Tod im Jahr 2004 ist Erika lange nicht hinweggekommen: „Ich war bei ihr, bis sie einschlief und nicht mehr aufwachte. Ich werde sie immer vermissen.“

In der 15 Kilometer von Napajedla entfernten Industriestadt Zlin studierte Erika Handels- und Bürgerrecht. Doch dann zog es sie ans Theater. Sie bekam eine Anstellung als Inspizientin und war für das Bühnenmanagement zuständig. Sieben Jahre später verließ sie Tschechien. Ihr Ziel war Deutschland, um ihre in der Schule erworbenen Deutschkenntnisse zu verbessern. Gelebt hat sie von verschiedenen Jobs in verschiedenen Orten: Als Sekretärin in Reinland-Pfalz. Als Haushälterin, als Au-pair und im Gastgewerbe in Baden-Württemberg. Als Tiersitterin in Bayern. Als Altenpflegerin in Hessen. Im Frühjahr 2000 beschloss Erika, nach Österreich zu gehen. „Hier gab es damals für mich nur die Möglichkeit, auf einer Landwirtschaft zu arbeiten.“ Das passte gut, denn: „Ich wollte schon immer einmal auf einer Alm leben.“ Erfahrung mit Tieren hatte sie. Als Kind verbrachte sie oftmals Ferien auf der Farm ihrer slowakischen Großmutter, die Rinder und Ziegen gehalten hatte. Im Juni 2000 fand Erika Arbeit als Helferin bei Bauer Jodok Feuerstein im Bregenzerwald. „Unsere erste Begegnung war sehr angenehm“, erinnert sie sich. „Jodok war sympathisch, freundlich. Ich habe mich sofort wohlgefühlt bei ihm.“ Aus Sympathie entwickelte sich Liebe. Beiderseitig. Geheiratet hat das Paar am 27. August 2010 im Standesamt in Egg. „Es war eine kleine Trauung“, sagt sie. „Aufwendiger war unsere Hochzeitsreise: drei Wochen Transatlantikkreuzfahrt nach Brasilien, Uruguay und Argentinien.“ Lust aufs Reisen überfällt Erika Feuerstein mindestens einmal im Jahr. Mit Ehemann Jodok hat sie sich bislang etwa Spanien, Kroatien, Italien, die Schweiz und Deutschland angesehen. „Ohne Jodok war ich in den skandinavischen Ländern, in den Niederlanden und in Frankreich.“

Manchmal mühsam

Sich in Vorarlberg einzuleben, „war kein Problem für mich“. Allerdings, räumt sie ein, sei es manchmal mühsam, die unterschiedlichen Mentalitäten zu verstehen. „Ich habe aber einen Weg gefunden, mit allem gut klarzukommen.“ Ein Teil dieses Weges ist ihre Arbeit, vor allem mit den geliebten Tieren – den Kühen und ihren zehn Katzen. Einen anderen Teil nutzt sie zur Weiterbildung. So hat sie ihr Deutsch auf die hohe Sprachniveaustufe C1 geschafft, lernt nun auch Englisch, Französisch und Italienisch. In einer Akademie in der Slowakei ließ sie sich zur zertifizierten Pflegerin ausbilden. Weiters hat sie sich Kenntnisse der Naturmedizin angeeignet und einen Kurs über Homöopathie für Milchvieh belegt.

An eine Rückkehr nach Tschechien denkt Erika Feuerstein momentan nicht. „Doch was die Zukunft bringt, weiß niemand.“

„Jodok war sympathisch, freundlich. Ich habe mich sofort wohlgefühlt bei ihm.“

Morinka ist eine der zehn Katzen, die mit Erika zusammenleben.
Morinka ist eine der zehn Katzen, die mit Erika zusammenleben.