„Müssen die Zeichen der Zeit erkennen“

Vorarlberg / 14.07.2021 • 18:20 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
„Müssen die Zeichen der Zeit erkennen“

Eva Hammerer und Daniel Zadra als Spitzenduo der Grünen über Klimaschutz, Koalition und Ziele.

Lochau Gleichberechtigt an der Spitze der Vorarlberger Grünen: die Harderin Eva Hammerer und der Lustenauer Daniel Zadra haben vor wenigen Wochen das Erbe von Landesrat Johannes Rauch als Landessprecher angetreten. Das Duo will alles daransetzen, um die Gesinnungsgemeinschaft auf Kurs halten zu können. Im VN-Sommergespräch hoch über den Dächern von Bregenz gingen die beiden auf aktuelle und zukünftige Themen ein.

Frau Hammerer, was läuft in Vorarlberg aktuell nicht so, wie es Ihrer Meinung nach sollte?

Hammerer Eine super Einstiegsfrage. Mir fällt eigentlich sehr viel Gutes ein. Was mir als Allererstes einfällt, ist das Kinderbildungsgesetz, da sind wir auf einem sehr guten Weg.

Dennoch ist Vorarlberg bestimmt weit davon entfernt, perfekt zu sein. Was möchten die Grünen ändern?

Zadra Wir kommen gerade aus einer der schwierigsten Phasen zurück, der Pandemie. Eva Hammerer hat einen wesentlichen Punkt angesprochen: Wir haben mit unserem Koalitionspartner nicht einfach so ein großes Ziel festgelegt, nämlich zum chancenreichsten Raum für Kinder zu werden. Es muss allerdings noch viel mehr kommen. Wir haben erleben müssen, dass Kinder und Jugendliche auf sehr viele Dinge verzichten mussten. Kinder und Jugendliche brauchen soziale Kontakte. Beispiel dafür bildet etwa die Pipeline am Bodensee. Da hat man gesehen, dass wir als Land in manchen Bereichen noch nicht bereit sind, Angebote für die Jugend anzubieten. Mit einem einseitigen Verbot ist nichts getan. Zweiter Punkt ist die momentane wirtschaftliche Unsicherheit. Die Folgen der Krise werden wir leider erst noch zu spüren bekommen. Dazu gibt es von uns Ansätze: zurück zu jenem System, wie wir es gekannt haben, führt uns in den Abgrund. Wir müssen die Zeichen der Zeit erkennen, umsteuern und andere Wirtschaftssysteme in den Fokus nehmen. Wir müssen ein System entwickeln, das nicht den Profit einiger weniger in den Vordergrund stellt, sondern eines, von dem möglichst die breite Gesellschaft profitiert. Es gilt deshalb eine ökologische und eine soziale Transformation auszurollen. Gerade in diesem Bereich hat aus unserer Sicht Vorarlberg noch große Hausaufgaben zu machen.

Frau Hammerer, nachdem Sie als Nachfolgerin von Landesrätin Katharina Wiesflecker gehandelt werden, stellt sich eine Frage: Werden Sie sich bald aus der Gemeindepolitik in Hard verabschieden?

Hammerer Ich habe gar nicht gewusst, dass ich als Nachfolgerin gehandelt werde. Eine Ablöse ist derzeit kein Thema. Gemeinde- und Landespolitik gehen ja Hand in Hand, noch bin ich voller Elan Gemeindevertreterin, ein Rückzug in Hard steht auch nicht im Raum.

Zu einem Kernthema der Grünen: Bio funktioniert in Vorarlberg nicht wirklich gut. Das hat auch ein Bericht des Landesrechnungshofs aufgezeigt. Warum ist das so?

Zadra Sie haben recht, wir sind mit der Entwicklung in Vorarlberg im Bereich Bio nicht zufrieden. Im Biobereich sind wir, wenn man die biologisch bewirtschafteten Flächen vergleicht, auf dem zweitletzten und bei der Anzahl der Biobetriebe auf dem letzten Platz. Das kann einen Vorarlberger nicht unbedingt stolz machen. Hier muss etwas passieren. Im Land wurde sehr stark auf die Regionalität gesetzt und erklärt, Bio ist ohnehin ähnlich. Das stimmt nicht. Wir müssen eine Kombination schaffen. Beispielsweise sind wir im Bereich der Milchprodukte nicht weit von diesem Sprung entfernt. Es gilt nachzuschärfen und Überzeugungsarbeit zu leisten, damit die Vorarlberger Landwirte und Bauern den Qualitätsanspruch nachvollziehen können.

Soll die Landespolitik im Hinblick auf Bio bei Supermärkten steuernd eingreifen?

Zadra Ja, sie soll eingreifen und dafür sorgen, dass der Konsument die Wahl hat. Eine klare Kennzeichnung ist gefragt. Der Konsument muss an den Produkten im Regal gleich erkennen, was Bio ist und was nicht.

Vorarlberg hat sich Klimaziele gesteckt, die in den vergangenen Jahren nicht geschafft wurden. Was läuft in diesem Bereich Ihrer Meinung nach falsch?

Hammerer Wir weisen beim CO2-Aussstoß immer noch steigende Zahlen auf. Dafür gibt es nur eine Gegensteuerungsmaßnahme: und zwar den weiteren massiven Ausbau des öffentlichen Verkehrs mit Takterweiterung sowie der Radwege. Auch in der Kombination Bahn und Fahrrad sehe ich eine riesengroße Chance. Der verstärkte Ausbau von Zu-Fuß-Gehwegen in den Gemeinden des Landes, das Carsharing und E-Autoflotten in den Unternehmen zählen ebenso dazu.

Verkehr ist nur ein Teil der CO2-Emissionen. Sind Sie mit der von der Bundesregierung vorgegebenen Ziellinie wie Ölkesselaustausch zufrieden oder könnte Vorarlberg da noch einen steileren Weg gehen?

Hammerer Dem Bund ist mit dem Erneuerbaren-Ausbaugesetz ein riesengroßer Wurf gelungen. Das ist ein Turbo für die Wirtschaft sowie für Solarenergie und Elektrotechnik. An diesem Thema hängt sehr viel dran und das stellt ein großes Potenzial dar.

Klimaschutz ist in aller Munde. Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um sich auszumalen, dass durch die Erwärmung Felsstürze drohen und Täler unbewohnbar werden könnten. Womit rechnen Sie?

Zadra Konkret sehen wir eines: Wenn wir den jetzigen Pfad global weiter beschreiten, können wir die gesteckten Ziele nicht einhalten. Wir werden mit Wetterkapriolen wie Hagelstürmen und auch Dürren rechnen müssen. Vorarlberg wird sich solchen Ereignissen nicht entziehen können. Überflutungen wegen Starkregen und Hitze werden ebenso ein Thema. Im Land wird es bestimmt eine Hitzeanpassungsstrategie brauchen.

Stimmt die Darstellung der ÖVP, dass man sich im Land sauber schwarz gibt und die Bundesebene mit Türkis derzeit Probleme hat. Ist diese Trennung für Sie in der Alltagsarbeit nachvollziehbar?

Zadra Es ist eine Partei, da darf man sich nicht in den Sack lügen. Es gibt einen Bundesparteiobmann, den man ohne Not mit umfassenden Durchgriffsrechten ausgestattet hat. In der täglichen Arbeit mit LH Markus Wallner spüre ich aber sehr wohl, dass es in letzter Zeit auch Absetzungsbewegungen von der Bundesvolkspartei gibt. Wir im Land können jedoch sehr gut mit unserem Koalitionspartner arbeiten. Ich bin es bis zu einem gewissen Grad leid, ständig die Fehler des Koalitionspartners rechtfertigen zu müssen. Wir sind für eine saubere Politik angetreten.

Zu den Personen

EVA HAMMERER

Geboren 25. Oktober 1975  

Wohnort Hard

Familienstand verheiratet, vier Kinder

Ausbildung Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck

Politischer Werdegang seit 2014 Spitzenkandidatin und Obfrau Jugendausschuss in Hard, 2015 Gemeinderätin, seit 2019 Landtagsabgeordnete und stellvertretende Klubobfrau

Hobbys Joggen am grünen Damm mit Hund Karli

DANIEL ZADRA

Geboren 24. Dezember 1984

Wohnort Lustenau

Familienstand verheiratet, zwei Kinder

Ausbildung Studium der Rechtswissenschaften und Politikwissenschaft in Wien und Prag

Politischer Werdegang bis 2020 Gemeindevertreter der Grünen, seit 2014 Landtagsabgeordneter und seit 2019 Klubobmann der Grünen

Hobbys Radfahren, Kochen und Speisen von Vietnamesisch bis Käsknöpfle