Witwer fand neuen Sinn

Vorarlberg / 14.07.2021 • 20:59 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Kurt Reinhard mit Elisabeth. Sie war seine Lebensliebe.
Kurt Reinhard mit Elisabeth. Sie war seine Lebensliebe.

Als seine Frau starb, fiel Kurt Reinhard ins Bodenlose.

Hohenems Kurt Reinhard (71) blickt mit Dankbarkeit auf sein Leben zurück. Es gab viele Zufälle im Leben des Orgelbauers, der unter anderem eine Orgel für die Grabeskirche in Jerusalem gebaut hat. Der für ihn bedeutungsvollste Zufall war, als er Elisabeth, seine künftige Ehefrau und Mutter seiner drei Söhne, an einer Tankstelle in Dornbirn kennenlernte. Aus dieser zufälligen Begegnung erwuchsen 37 gemeinsame Jahre. Es hätte Kurt gefreut, wenn ihm noch mehr Jahre mit ihr geschenkt worden wären. Denn: „Elisabeth und ich haben es ganz fein gehabt im Leben. Uns verband viel: das Reisen, der Garten, das Haus.“ Das Ehepaar hatte noch viel vor, wollte noch einiges miteinander unternehmen und einfach beieinander sein. Aber die Hauptschullehrerin starb mit 69 Jahren an Krebs.

Verlustangst war groß

Ihr Tod im Jahr 2017 traf Kurt schwer. Er hatte immer Angst gehabt, sie zu verlieren. „Wenn sie nach Innsbruck an die Uni fuhr, begleitete ich sie zum Bahnhof. Da dachte ich mir jedes Mal: ,Jetzt ist sie fort. Hoffentlich kommt sie wieder.‘“ Kurt konnte sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Als der Tumor ihr erstmals starke Schmerzen verursachte und sie gemeinsam einen Arzt aufsuchten, fragte sich Kurt: „Was tue ich, wenn sie nicht mehr da ist?“ Elisabeth litt zwei Jahre. Die letzten drei Monate ihres Lebens verbrachte sie auf der Palliativstation in Hohenems.

Elisabeths Sterben war sehr schmerzvoll. „Jede Berührung tat ihr weh. Ich konnte nicht einmal mehr ihre Hand halten.“ Zum Schluss wog seine Frau nur mehr 32 Kilo. Ihr langes Leiden bekümmerte Kurt zutiefst. „Wenn ich nach dem Besuch im Spital mit dem Auto heimfuhr, musste ich manchmal stehenblieben, weil ich so heftig weinte.“ Kurt kam an den Punkt, an dem er sich wünschte, dass seine Gefährtin von den Schmerzen erlöst wird. Als es aber so weit war und sie für immer ging, zog es ihm den Boden unter den Füßen weg. „Ich fiel ins Bodenlose.“

Der Verlustschmerz überwältigte ihn, vor allem, wenn er Zeit zum Nachdenken hatte. Große Trauer kam bei ihm hoch, als er die Dankeskarten schrieb. Die Trauer ist auch heute noch sein Begleiter. „Sie hört nicht auf.“ Plötzlich sei sie da. „Als ich einmal zum Fenster hinausschaute, glaubte ich Elisabeth im Garten arbeiten zu sehen.“ Seine Frau bedeutete ihm viel, sehr viel. Das zeigte sich auch nach ihrem Tod. Der Witwer ließ alle Bilder, die sie gemalt hatte, einrahmen. Die Kreativität und die Talente seiner Frau, die Theologie, Kunst, Literatur und Gesang studiert hatte, hatten ihn immer beeindruckt. Deshalb ließ er auch ihre Gedichte und Schriften in dem Buch „Elisabeth Reinhard Karu – gesammelte Werke“ herausgeben. „Ich will das, was sie gemacht hat, der Nachwelt erhalten.“

Soziales Engagement begonnen

Zudem legte er ihr zu Ehren ein Blumenbeet an mit ihren Lieblingsblumen. Die 30 Lilien hegt und pflegt der 71-Jährige wie eine Mutter ihr Kind. All das ist für ihn „eine Art von Trauerbewältigung“. Nach und nach fand sich Kurt in das Leben eines Witwers hinein. Er schaffte es, seinem Leben einen neuen Sinn zu geben, indem er begann sich ehrenamtlich zu betätigen. Die Besuche auf der Palliativstation regten ihn dazu an. „Ich sah, wie dort mit meiner Frau und den anderen Patienten liebevoll umgegangen wurde. Da dachte ich mir: ,Zu diesem Team möchte ich auch dazugehören.“ Kurt ließ sich zum Hospiz- und Trauerbegleiter ausbilden. Heute ist er Menschen, die sich auf die letzte Reise begeben haben, eine Stütze. Eine weitere schöne Aufgabe kommt im September auf ihn zu. „Wir eröffnen ein Trauercafé in Hohenems. Ich werde es leiten.“

Das Leben will keinen Stillstand. Es will, dass man weitergeht, egal, was passiert. Kurt, der gläubig ist und seit Jahren eine Religionsrunde leitet, gelang dieses Kunststück. Aber das lange und schwere Leiden seiner Frau stellte seinen Glauben auf eine harte Probe. Noch heute hadert er hin und wieder mit dem Allmächtigen. „Ein liebender Gott dürfte nicht zulassen, dass Menschen so lange solche Schmerzen ertragen müssen.“ VN-kum

„Meine Frau war sehr kreativ. Ich will das, was sie gemacht hat, der Nachwelt erhalten.“

Diese Windmühle hat der pensionierte Orgelbauer selbst gebaut.
Diese Windmühle hat der pensionierte Orgelbauer selbst gebaut.
Kurt Reinhard drechselt gern. Er macht schöne Dinge aus Holz. „Das Hobby gibt mir Zufriedenheit.“ VN/Serra
Kurt Reinhard drechselt gern. Er macht schöne Dinge aus Holz. „Das Hobby gibt mir Zufriedenheit.“ VN/Serra