Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Mit Gummistiefeln gegen die Klimakatastrophe

Vorarlberg / 19.07.2021 • 22:42 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wenn das Hochwasser kommt, ganze Landstriche verwüstet und viele Menschen getötet hat, bleibt ein Gefühl der Ohnmacht. Politikerinnen und Politiker ziehen sich dann wie jetzt im besonders hart getroffenen Deutschland ihre Gummistiefel an, fahren an die Orte der Zerstörung, richten Nothilfefonds ein und geben Presseerklärungen, in denen sie den Katastrophenopfern Unterstützung versprechen – dennoch, das Gefühl des Ausgeliefertseins können sie den Menschen nicht nehmen. Umso wichtiger ist es in solchen existentiellen Situationen, den richtigen Ton zu treffen und sensibel vorzugehen.

Das fällt auch Politikprofis nicht immer leicht, wie man nun am Beispiel Armin Laschet sieht. Der CDU-Kanzlerkandidat und Ministerpräsident des vom Hochwasser devastierten deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen reist in der Rolle des Landesvaters ins Katastrophengebiet. Am Wochenende passiert ihm dort ein schwerer Fehler: Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine kurze Rede in der Gemeinde Erftstadt hält, feixt Laschet mit ein paar Funktionären im Hintergrund herum, offensichtlich ist er sich nicht bewusst, im Bild zu sein. Das Video mit dem lachenden Laschet empört sehr viele, der Politiker entschuldigt sich noch am Samstag dafür. Selbst wenn man ihm keine Böswilligkeit unterstellen will – dieses Verhalten kann gerade bei Betroffenen der Katastrophe nur empathie- und instinktlos ankommen.

Noch wichtiger als das adäquate Auftreten der Krisenmanager sind die politischen Schlüsse, die man aus solchen Katastrophen ziehen sollte. Armin Laschet meinte nach dem Hochwasser: „Weil jetzt so ein Tag ist, ändert man nicht die Politik.“ Doch den Klimawandel zu verdrängen, löst unser aller Problem leider nicht. Laut Daniel Lingenhöhl, Geologe, Biologe und Chefredakteur des deutschen Wissenschaftsmagazins „Spektrum“, kommt die Attributionsforschung (sie erhebt den Beitrag des menschengemachten Klimawandels auf extreme Wetterereignisse) eben vielfach zum Schluss, dass die Erderwärmung schon heute extreme Wetterphänomene häufiger werden lässt.

Ob die Abholzung des Amazonas oder das Vordringen in immer neue Wildnisgebiete, die das Risiko für Krankheiten erhöhen, die von Wildtieren auf Menschen überspringen: „Corona hat schmerzlich gezeigt, dass vermeintlich weit entfernt scheinende Probleme schnell ihren Weg zu uns finden. Das gilt ebenso für andere Umwelt- und Klimafolgen“, meint Lingenhöhl. In der Welt von heute kann man mit dem beherzten Gummistiefel-Krisenmanagement der Vergangenheit nicht mehr viel erreichen. Außer die akute Not im Katastrophenfall zu lindern – ehe das nächste Hochwasser oder die nächste Rekordhitzewelle ihren Tribut fordern.

„Als Politiker den Klimawandel zu verdrängen, löst unser aller Problem leider nicht.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.