„Iss, sonst stirbst du“

Vorarlberg / 21.07.2021 • 18:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die magersüchtige Frau ist auf dem Weg der Besserung.
Die magersüchtige Frau ist auf dem Weg der Besserung.

Claudia ist magersüchtig. Zeitweise wog sie nur noch 33 Kilo.

Schwarzach Die Krankheit schlich sich unbemerkt in ihr Leben. Plötzlich war die Essstörung da. „Einen offensichtlichen Auslöser für die Krankheit gab es nicht“, rätselt Claudia (Name geändert) noch immer darüber, warum sie vor vier Jahren magersüchtig wurde. Die 32-Jährige vermutet, dass das geltende Schönheits- und Schlankheitsideal sie beeinflusst und unter Druck gesetzt haben könnte. Vor Ausbruch der Krankheit wog Claudia 53 Kilo, bei einer Größe von 1,60 Meter. Innerhalb von zwei Jahren nahm die Büroangestellte 20 Kilo ab. Nur mehr 33 Kilos brachte die junge Frau zeitweise auf die Waage. „Ich bekam Probleme mit der Verdauung, habe einiges nicht mehr vertragen und deshalb nicht mehr gegessen, zum Beispiel Brot oder Obst. Weil ich oft Bauchweh hatte, traute ich mich kaum mehr zu essen“, erzählt Claudia, wie sie in die Magersucht hineinschlitterte.

Kohlenhydrate weggelassen

Ihre sportlichen Aktivitäten stellte sie aber nicht ein. Sie ging weiterhin wandern und tanzen. „Ich mache Zumba.“ Die junge Frau hatte nichts dagegen, dass die Kilos purzelten. Im Gegenteil: „Es gefiel mir, dass ich dünner wurde. Ich fühlte mich gut.“ Auf keinen Fall wollte sie zunehmen. „Deshalb habe ich Kohlenhydrate und Süßigkeiten weggelassen.“ Claudia wurde von Woche zu Woche magerer. „Ab einem gewissen Zeitpunkt gefiel ich mir nicht mehr. Ich wusste, dass ich zu dünn bin und dass das nicht mehr schön ist.“ Das sagten ihr auch die mitleidigen Blicke ihrer Mitmenschen. Diese taten ihr weh. „Mittlerweile kann ich aber damit umgehen. Heute ignoriere ich sie.“ Claudia wusste, dass sie zu weit gegangen war. Aber sie kam – aus eigener Kraft – nicht mehr raus aus der Krankheitsspirale. „Ich schaffte es nicht, mehr zu essen.“ Ihr war jetzt klar, dass sie auf Messers Schneide lebte, dass der Sturz in den Abgrund nur mehr eine Frage der Zeit war. „Ich wusste, dass ich daran sterben kann und Hilfe brauche. Aber ich holte mir keine.“ Ihren Eltern entging nicht, dass sie immer weniger wurde. Auf ihren Ratschlag hin suchte Claudia dann schließlich doch eine Psychiaterin auf. „Die befahl mir, bis nächste Woche ein Kilo zuzunehmen. Sonst stehe mir eine Zwangseinlieferung ins Spital bevor.“ Diese Aussage kam bei Claudia an. „Für mich war’s ein Tritt in den Hintern. Ich wollte auf keinen Fall ins Krankenhaus.“ Sie schaffte es dann auch, mit Mühe und Not ein Kilo zuzunehmen. „Ich aß, was ging.“ Eine Woche später redete die Nervenärztin wieder Tacheles mit ihr. „Du musst essen, sonst stirbst du.“ Die eindringlichen Worte der Psychiaterin verfehlten nicht ihre Wirkung. Claudia zwang sich nun, mehr zu sich zu nehmen und darauf zu achten, dass der Teller voll ist. „An manchen Tagen fällt es mir aber schwer, mehr zu essen.“ Aber immerhin schaffte sie es, von 33 auf 40 Kilo zu kommen.

Will nicht mehr unsichtbar sein

Die Krankheit ist noch nicht besiegt, aber die größte Gefahr gebannt. Claudia, die 50 Kilo Körpergewicht anstrebt und in psychologischer Betreuung ist, kann der Erkrankung auch Positives abgewinnen. „Sie hat mich stärker und dankbarer gemacht und gelehrt, besser für mich zu sorgen. Ich gehe jetzt auch achtsamer durchs Leben, verweile zum Beispiel ein paar Minuten, wenn ich einen Schmetterling oder schöne Blumen sehe.“ Derzeit steckt die 32-Jährige mitten in einer Selbstfindungsphase. „Ich frage mich gerade, was ich vom Leben noch will.“ Ganz oben auf der Wunschliste stehen eigene Kinder. Aber auch für Reisen, Tanzen, Sport und soziales Engagement soll, so hat sie für sich herausgefunden, in ihrem Leben Raum sein. Auf jeden Fall will Claudia wieder mehr Platz einnehmen in der Welt und nicht mehr unsichtbar werden und auf immer verschwinden. VN-kum

Selbsthilfegruppe
„Schwerelos – Essstörungen“

Kontakt: Lebensraum Bregenz, Tel. 05574/52700