Eine Krankheit wurde Elisabeth zum Lehrmeister

Vorarlberg / 22.07.2021 • 12:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eine Krankheit wurde Elisabeth zum Lehrmeister
Elisabeth Metzler kann der Krankheit auch Gutes abgewinnen. “Sie hat mich Geduld gelehrt und die Dinge so zu nehmen, wie sie sind.” VN/KUM

Elisabeth Metzler (59) lebt mit einem Tumor. Er zwang sie, sich mehr mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Bregenz Elisabeth Metzler (59) ist dankbar, dass sie auf die Butterseite des Lebens gefallen ist. „Mir ging es immer gut im Leben.“ Gründe, um dankbar zu sein, gibt es für sie viele: die gute Schulbildung, die sie erhielt, den Mann, den sie in ihrer Jugend kennenlernte und mit dem sie seit 32 Jahren eine gute Ehe führt, die vier „wunderbaren“ Kinder, die der Ehe entsprangen, die sinnstiftende Arbeit an der Informations- und Servicestelle beim Lebensraum Bregenz.

Die Bregenzerin führte ein Leben, das im Dienst ihrer Mitmenschen stand. Als vierfache Mutter und Ehefrau widmete sie ihrer Familie viel Zeit. Aber auch in ihren Job und ins Ehrenamt investierte sie viel Zeit und Energie. Sie leitete unter anderem mit Begeisterung die örtliche Frauenbewegung, den Elternverein und die Firmlingsgruppe der Pfarre. „Ich tanzte auf vielen Hochzeiten und war permanent für andere da.“

Das Leben bremste sie ein

 Heute fragt sie sich: „Habe ich zu sehr für die anderen gelebt? Hätte ich mir selbst mehr Zeit zugestehen sollen?“ Vor drei Jahren bremste das Leben sie ein. „Es hat mich von 120 auf 0 heruntergeholt.“ Eine Krankheit setzte ihren Aktivitäten ein jähes Ende und zwang sie, den Fokus auf sich zu richten. Im Zuge der Vorsorgeuntersuchung wurde bei ihr ein neuroendokriner Tumor im Dünndarm entdeckt, der in der Leber Metastasen bildet. Er hatte bereits 18 in die Leber gestreut und deren Funktionsfähigkeit ernsthaft bedroht.

In der Folge musste sich Elisabeth einem Behandlungs-Marathon unterziehen. Mit Operationen, Chemo- und Strahlentherapie und Medikamenten rückten die Ärzte dem Tumor und seinen Tochtergeschwülsten zu Leibe. Es stellten sich zwar immer wieder kleinere Erfolge ein, aber der ganz große blieb aus. Elisabeth, eine angeborene Optimistin, ging anfangs davon aus, dass sie wieder ganz gesund wird. „Zielorientiert wie ich bin dachte ich mir: ,Spätestens in einem Jahr bist du wieder gesund.‘“ Als sie dieses Ziel nicht erreichte, wurde die gläubige Frau wütend. „Ich fragte den lieben Gott, warum er mir das antut und was er mit mir vorhat?“ Erstmals schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass Gott ihr mit dieser Krankheit eine Prüfung auferlegen wollte.

“Früher kamen zuerst alle anderen, bevor ich kam.”

Elisabeth Metzler

Die Behandlung nahm Elisabeth sehr her. Die Eingriffe und Therapien bzw. deren Nebenwirkungen verursachten ihr Schmerzen und schränkten ihre Lebensqualität ein. Sie nahm auch stark ab. Die vergangenen drei Jahre waren für die Bregenzerin „die größte Prüfung in meinem Leben“.  

Aber ihr Leiden lehrte sie viel, zum Beispiel Geduld und Ergebenheit dem Leben gegenüber. „Man kann nicht alles erreichen, was man will. Man muss lernen, das anzunehmen, was ist.“ Die vierfache Mutter hat akzeptiert, dass sie mit dem Tumor leben wird müssen. „Er wird bei mir nie weggehen. Aber man kann ihn in den Griff bekommen und gut mit ihm leben, wenn man das richtige Medikament findet.“ Die Krankheit bewirkte auch, dass sie mehr im Jetzt lebt und nicht mehr so viele Pläne schmiedet. „Ich lebe heute. Und heute geht’s mir gut.“ Momentan ist Elisabeth richtig glücklich. Denn: „Zurzeit habe ich keine Schmerzen.“ Tage, an denen ihr nichts wehtut, nützt sie unter anderem dazu, um das zu tun, was ihr Spaß macht, zum Beispiel um baden oder wandern zu gehen. Heute nimmt sie ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche ernster und kümmert sich besser um sich selbst. „Früher kamen zuerst alle anderen, bevor ich kam.“