“Hat Sie Haiders Erbsenzähler-Sager geärgert, Herr Sausgruber?”

Vorarlberg / 24.07.2021 • 05:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
"Hat Sie Haiders Erbsenzähler-Sager geärgert, Herr Sausgruber?"
Sausgruber blickt im Interview zurück. VN/SERRA

Altlandeshauptmann Sausgruber im großen Interview zu seinem 75. Geburtstag.

Höchst Herbert Sausgruber wird 75 Jahre alt. Der langjährige Landeshauptmann befindet sich mittlerweile seit bald zehn Jahren in der Pension. Im VN-Interview blickt er noch einmal zurück. Er spricht über das Hochwasser 2005, den Kauf der Illwerke, über Jörg Haider, Wolfgang Schüssel und Dieter Egger. Außerdem verrät er, was es mit dem 007-Akt auf sich hat.

Herr Sausgruber, ich würde mit Ihnen gerne auch über Aktuelles sprechen, Sie halten sich da aber sehr zurück. Warum?

In der Pension habe ich mir vorgenommen, mich aus dem operativen Geschehen herauszuhalten, aus Respekt vor denen, die dafür verantwortlich sind. In Wahrheit habe ich bisher zwei Ausnahmen gemacht: Als es um die Aufhebung der Wehrpflicht ging und vor dem zweiten Wahlgang der letzten Bundespräsidentschaftswahl.

Welches Erlebnis in Ihrem politischen Leben ist Ihnen am eindrücklichsten in Erinnerung?

Das Hochwasser 2005. Zwei Drittel der Gemeinden waren betroffen. Besonders eindrücklich war die unglaubliche Solidaritätswelle, die durchs Land gegangen ist. Tausende waren im Einsatz. Und wir in der Politik haben uns vorgenommen, dass keine betriebliche und private Existenz wirtschaftlich vernichtet wird. Das ist uns gelungen, auch weil wir innerhalb von Stunden die Landes-Gas-Tochter an die Illwerke/VKW, also an eine andere Landestochter, verkauft haben. So hatten wir innerhalb von kürzester Zeit 30 Millionen Euro zur Verfügung. Es sind viele tragische Dinge passiert: Die Katastrophe forderte Menschenleben, ganze Häuser wurden weggeschwemmt.

Sausgrubers Gummistiefel, die unter anderem beim Hochwasser 2005 im Einsatz waren. <span class="copyright">VN/Serra</span>
Sausgrubers Gummistiefel, die unter anderem beim Hochwasser 2005 im Einsatz waren. VN/Serra

Die Geschichte der Illwerke/VKW ist auch mit Ihrem Namen verbunden.

Das ist natürlich auch eine wesentliche Erinnerung. Schon als Finanzreferent haben ich gemeinsam mit Ludwig Summer und Rainer Reich (ehem. Vorstände, Anm.) mit Unterstützung von Landeshauptmann Martin Purtscher versucht, dass Vorarlberg die Illwerke-Mehrheit vom Bund zurückkaufen kann. Das ist uns nach langen Verhandlungen gelungen, weil Finanzminister Andreas Staribacher bereit war, einen vernünftigen Kompromiss zu schließen. Als es darum ging, das Tiroler Heimfallsrecht abzugelten, ohne eine Aktie zu verkaufen, spielte Dr. Summer ebenfalls eine ganz entscheidende Rolle.

Was war der größte Erfolg Ihrer politischen Karriere?

Als Finanzreferent natürlich der Erwerb der Illwerke-Aktien und die Zusammenführung mit der VKW. Aber sonst die Verankerung der Familie in der Verfassung und das folgende Gesetz zur Förderung der Familie. Beim Familienbild war uns wichtig, die Familie vom Kind aus zu sehen und definieren. Auch ein Elternteil mit Kind ist eine Familie.

Sausgruber mit seiner Frau Ilga, die auch schon mit ihm gemeinsam auf einem Wahlplakat zu sehen war.<span class="copyright"> VN/Serra</span>
Sausgruber mit seiner Frau Ilga, die auch schon mit ihm gemeinsam auf einem Wahlplakat zu sehen war. VN/Serra

Jörg Haider nannte Sie einst Erbsenzähler. Hat Sie das sehr geärgert?

Das hat mich nicht sehr belastet. Wir waren bei manchen Themen grundsätzlich anderer Auffassung, zum Beispiel bei der Wohnbauförderung. Auch auf Bundesebene wollte man zumindest eine Reduktion. Wir hatten eine unkündbare 15a-Vereinbarung mit dem Bund und ein paar Jahre später wollten sie nichts mehr davon wissen. In dieser Diskussion hat Haider diese Bemerkung gemacht. Dem habe ich mit Verhandlungserfolg widersprochen, das Geld ist nach wie vor in Länderhand.

"In dieser Diskussion hat Haider diese Bemerkung gemacht. Dem habe ich mit Verhandlungserfolg widersprochen, das Geld ist nach wie vor in Länderhand."<span class="copyright"> VN/Serra</span>
"In dieser Diskussion hat Haider diese Bemerkung gemacht. Dem habe ich mit Verhandlungserfolg widersprochen, das Geld ist nach wie vor in Länderhand." VN/Serra

Wer war der zäheste Verhandlungspartner?

Wolfgang Schüssel. Mit ihm als Vize- und später als Bundeskanzler hatte ich heftige Konflikte. Aber ich habe ihn immer sehr geschätzt und bin immer noch der Meinung, dass er ein guter Bundeskanzler war. Er hat langfristige Dinge wie die Pensionsreform auf Schiene gebracht. Bei Verhandlungen hat er schon gewusst, was er will.

Ist Ihnen eine besondere Verhandlung in Erinnerung?

(überlegt lange und grinst) Da würden mir schon ein paar einfallen. Vorarlberg war Jahrzehnte bei den Dienstposten in der Exekutive unterbesetzt. Dann kamen der EU-Beitritt und der Beitritt zum Schengenraum, womit Posten beim Zoll frei wurden. Unsere Idee war, die 150 Posten auf die Polizei umzulegen. Das Finanzministerium hat sich gewehrt. Ich war dann in Wien und habe im Parlament mit Bundeskanzler Schüssel darüber gesprochen. Er hat Innenminister Ernst Strasser und Finanzminister Karl-Heinz Grasser direkt herzitiert und gesagt: Wir machen es so. Auch das war Schüssel.

In diesem Fall unterstützend für Ihre Anliegen?

Ja. Und das andere hat es auch gegeben … (lacht).

"Da würden mir schon ein paar einfallen."<span class="copyright"> VN/Serra</span>
"Da würden mir schon ein paar einfallen." VN/Serra

Im Landtagswahlkampf 2009 haben Sie nach Dieter Eggers Judensager die FPÖ aus der Koalition geschmissen. Wie lief das intern?

Der Vorgang war ziemlich einfach. Ich habe erfahren, dass es so gesagt wurde und bei Landesrat Egger angerufen, um mich zu vergewissern. Er hat es bestätigt. Ich habe ihm empfohlen und die Gelegenheit gegeben, das zu korrigieren. Er saß ja auf einem ÖVP-Ticket in der Regierung, also in meinem unmittelbaren Verantwortungsbereich. Er hat einige Tage später mitgeteilt, dass er das nicht akzeptiert und daraus wurde die Konsequenz gezogen.

Davor war die FPÖ in der Regierung, obwohl die ÖVP die Absolute hatte.

Das war Tradition. Nach dem Krieg hat man alle Parteien freiwillig aufgenommen. Die Sozialdemokraten waren auch drin, sie sind schon in den 70er-Jahren ausgeschieden. Dann blieben die Freiheitlichen übrig.

"Dieser Akt hieß 007. Er enthielt Stilblüten und skurrile Erlebnisse."<span class="copyright"> VN/Serra</span>
"Dieser Akt hieß 007. Er enthielt Stilblüten und skurrile Erlebnisse." VN/Serra

Hat sich die Arbeit in der Politik von damals auf heute verändert?

Ich glaube, dass Führung schwieriger wird. Einzelne Gruppen vertreten ihre Interessen stärker und mit weniger Rücksicht auf das Gesamte. In der Führung musst du am Schluss aber alles unter einen Hut bringen. Je weniger Maß in den Forderungen und Erwartungen vorhanden ist, desto schwieriger wird die Gesamtführung, auch finanziell. Vernunft sollte immer einen Platz haben. Also nicht nur Wünsche und Erwartungen, sondern auch Hausverstand und Grundrechnungsarten.

Sie betonen aber auch immer, wie wichtig Humor in der Politik ist.

Ja, ich habe sogar einen Akt angelegt. Jeder Akt hat im Aktenplan eine Nummer, damit man ihn gleich findet. Dieser Akt hieß 007. Er enthielt Stilblüten und skurrile Erlebnisse.

Gibt es den Akt noch?

(lacht) Ich glaube nicht, dass der im Archiv ist.

"In der Pension habe ich mir vorgenommen, mich aus dem operativen Geschehen herauszuhalten, aus Respekt vor denen, die dafür verantwortlich sind."<span class="copyright"> VN/Serra</span>
"In der Pension habe ich mir vorgenommen, mich aus dem operativen Geschehen herauszuhalten, aus Respekt vor denen, die dafür verantwortlich sind." VN/Serra

Zur Person

Juli 1946 Geboren in Bregenz als Sohn des Chemikers Kurt Sausgruber und dessen Ehefrau Luise. Aufgewachsen in Höchst, Matura am Bundesgymnasium Bregenz, Studium der Rechtswissenschaft in Innsbruck

1964 Eintritt in die ÖVP, aktiv bei der Jungen ÖVP und anschließend im ÖAAB

1970 Promotion zum Doktor der Rechte an der Universität Innsbruck, Präsenzdienst in Innsbruck

1971 und 1972 Gerichtsjahr beim Bezirksgericht Bregenz und am Landesgericht Feldkirch.

1972 Eintritt in den Vorarlberger Landesdienst, Tätigkeit an den BH Bludenz, Feldkirch und Bregenz. Zuletzt bei der Bezirkshauptmannschaft Bregenz als Leiter des Jugendamtes.

1975 Tätigkeit beim Amt der Vorarlberger Landesregierung. Erstmalige Wahl zum Mitglied der Gemeindevertretung in Höchst

1978 bis 1986 Gemeinderat für Finanzen in Höchst

1979 Wahl in den Landtag.

1981 bis 1989 Klubobmann der ÖVP

Oktober 1986 Wahl zum Landesparteiobmann der ÖVP-Vorarlberg

Oktober 1989 Landesrat für Inneres, Verkehrspolitik, Verkehrsrecht und Wohnbauförderung

Mai 1990 Landesstatthalter

1994 Übernahme der Ressorts Finanzangelegenheiten, Vermögensverwaltung und Gebarungskontrolle

April 1997 Wahl zum vierten Vorarlberger Landeshauptmann

Oktober 2011 Ankündigung des Rücktritts

Dezember 2011 Feierliche Verabschiedung von Herbert Sausgruber als Landeshauptmann in einer Sondersitzung des Vorarlberger Landtags und zugleich Wahl des bisherigen Landesstatthalters Markus Wallner zum Nachfolger