Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Schöpfung, Sünde, Steinzeit, S 18

Vorarlberg / 24.07.2021 • 06:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Seit 1964 wartet ein Wurmfortsatz der schweizerischen A 1/A 13 in St. Margrethen auf Anschluss an die österreichische A 14. Gebaut wurde die oft von Politikern versprochene Verbindung nie. Die Bewohner von Meiningen, Mäder, Diepoldsau, Lustenau, Höchst, Fußach und Hard wissen seit knapp 60 Jahren, wie quälend sich die Blechlawine mitten durch ihre Dörfer wälzt.

Die S 18 war Hoffnung für verkehrsgeplagte Anrainer, Pflichtprogramm für die Wirtschaft, und sie ist mit jedem weiteren Jahr, das ungenutzt verstreicht, eine in Wahrheit immer unwahrscheinlichere Lösung des weiterhin existenten Verkehrsproblems im Rheintal.

No-Go-Area

Ursprünglich als “A-15-Bodensee-Autobahn” geplant, sollte sie dann als “S-18-Bodensee-Schnellstraße” kommen und nun als “Riedstraße” etwas harmloser wirken. Sie ist mit bis zu 1,5 Milliarden Euro das größte Infrastrukturprojekt in Vorarlberg, man könnte vier Pumpspeicherkraftwerke à la Kops II von dem Geld bauen. Seit die Asfinag die CP-Variante bevorzugt, sind alle nur mehr halb begeistert. Denn die einst möglichst direkte Autobahnverbindung in die Schweiz stellt sich nun als bessere Ortsumfahrung von Lustenau dar. Selbst die S-18-Befürworter geraten ins Zweifeln. Denn eigentlich wollten sie die direkte Z-Variante, die blöderweise durch das Natura-2000-Gebiet verläuft. Tatsächlich eine No-Go-Area.

Die S-18 ist eine seit Jahrzehnten geplante, bekämpfte, geliebte und gleichermaßen gehasste Trasse. Vor allem ist sie eine, die nie kam. Sie ist der imaginäre Freund der ÖVP und Mahnmal für gescheiterte Verkehrspolitik im Rheintal. Die Nervosität bei der ÖVP und die Intensität der Wortwahl der jüngsten Zeit ist deshalb so hoch, weil es sich um ein zentrales Versprechen der ÖVP handelt. Nämlich, dass diese Straße gebaut wird. Auch und weiterhin mit den Grünen als Regierungspartner. Für Markus Wallner ist eines der größten Ziele, den Spatenstich der Straße als amtierender Landeshauptmann durchzuführen.

Fakten schaffen

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hätte diese Woche als Gast von Bundeskanzler Sebastian Kurz zur Festspieleröffnung kommen sollen, und es hätte vermutlich auch Kurz gut getan, mehr vom konservativen Paradepolitiker zu seiner Klimaschutzoffensive zu erfahren. Vor allem, in welchen sprachlichen Rahmen Söder seine Offensive stellt. Der will mit bewusst christlichem Vokabular nämlich die Schöpfung erhalten, ganz ohne Steinzeitverweis. „Wer Klimaveränderungen leugnet, versündigt sich an der nächsten Generation“, sagte Söder diese Woche. Er legte damit bewusst andere Schwerpunkte in der Kommunikation als Österreichs Kanzler. Auch ohne Zeigefinger, aber mit Fakten: nämlich, dass wir in den Alpen nun mal stark vom Klimawandel betroffen sind.

Für die Anwohner hinter den Schallschutzfenstern bringt das Politgeplänkel wieder nichts. Die S 18 ist nicht wie bisher ohnehin ungewiss, sie ist nun Stein des Anstoßes für einen großen Klimakoalitionskrach.