Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

„Wir“ sind nicht Olympia-Siegerin

Vorarlberg / 26.07.2021 • 22:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wer bitte ist Anna Kiesenhofer? Seit dem Sonntag ist sie jedenfalls weltberühmt und zwar nicht nur in Österreich, sondern in der Welt da draußen. Vor dem Straßenrennen in Tokio, bei dem die 30-jährige Sportlerin am Wochenende mit einer großartigen Leistung die Goldmedaille erringt, ist sie eine Mathematikerin, die nach Studien in Cambridge und Barcelona an der Technischen Hochschule Lausanne arbeitet. Auch eine beachtliche Laufbahn, aber leider keine, mit der man hierzulande groß reüssieren könnte. Doch jetzt vermittelt Anna Kiesenhofer Österreich jenes sportliche Renommee, auf das man so lange gewartet hat. Immerhin ist es nicht nur die erste Goldmedaille für das Wintersportland bei Sommerspielen seit 2004, sondern auch die erste Goldene im Radsport seit 125 Jahren: Wir sind Olympia-Siegerin! Der allgemeine Triumph erzählt auch einiges über das Land und seine Befindlichkeit.

Ein Sieg für die Nation – jetzt freuen sich wieder sehr viele Leute über die Spitzenleistung einer Sportlerin, die ihnen gerade noch unbekannt war. Mitfreuen ist menschlich und schön, aber der Versuch der Vereinnahmung von sportlichen Höchstleistungen durch Politik, Verbände oder andere prominente Persönlichkeiten ist eher enervierend. Wer gratuliert zuerst, wer hat es immer schon gewusst? Wobei man ehrlich eingestehen muss, dass dieser begeisterte Nationalstolz auch größeren Ländern nicht fremd ist. Wer erinnert sich nicht gerne an das aufgeregte „Wir sind Papst!“ der Bild-Zeitung 2005, nach der Wahl von Kardinal Joseph Ratzinger.

Die Heldinnenreise

Auch Kiesenhofers Rolle als Außenseiterin, die es dann doch gegen jede Wahrscheinlichkeit geschafft hat, trifft den Nerv des Publikums. Seit 2018 fährt die Niederösterreicherin nicht einmal in einem Team. Keine der Favoritinnen hatte mit ihr gerechnet, sie hatten sie im Rennen unterschätzt und sich in der eigenen Taktik schwer vergriffen. Mit einer Verfilmung der klassischen Heldinnenreise von Frau Kiesenhofer („Das Wunder von Tokio“) ist also jederzeit zu rechnen.

Und nach dem sehr achtbaren Ausscheiden der heimischen Fußball-Nationalmannschaft im EM-Achtelfinale gegen die italienischen Kollegen kann die Sportleidenschaft im Land sich nun einmal auf ein neues Ziel richten. Statt dem Stolz, super gekämpft und viel erreicht zu haben, blieb nach den hohen Erwartungen und der darauffolgenden Niederlage gegen Italien in Sachen Fußball ja wieder vor allem die übliche Bitterkeit: Warum haben wir nie Glück im Spiel? Und auch wenn „wir“ jetzt Olympia-Siegerin im Rad-Straßenrennen sind – einen besseren Umgang mit Erwartungshaltungen, Triumph und Niederlage zu üben, das kann für den nächsten Anlassfall sicher nicht schaden.

„Anna Kiesenhofers Rolle als Außenseiterin, die es dann doch geschafft hat, trifft den Nerv des Publikums.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.