In ihrer Jugend ließ die Äbtissin nichts anbrennen

Vorarlberg / 29.07.2021 • 14:15 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
In ihrer Jugend ließ die Äbtissin nichts anbrennen
Die Oberin hält sich gerne im schönen Klostergarten auf. VN/Philipp Steurer

Schwester Rita-Maria Schmid leitet seit zwei Jahren die Gemeinschaft der Schwestern der Heiligen Klara. Sie ist keine, die mit ihrer Meinung hinter dem Berg hält. Im Juni setzte sie sich vor Österreichs Bischöfen für Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche ein.

Bregenz Ihre Eltern waren ihr ein Vorbild, auch in Sachen Gleichberechtigung. Die kleine Rita-Maria sah, dass ihre Eltern eine Beziehung auf Augenhöhe führten, dass ihre Mutter in der Landwirtschaft mitarbeitete und ihr Vater im Haushalt mithalf. „Papa hat abgespült und sonntags gekocht, damit meine Mutter von der Küche frei hatte“, erinnert sich Schwester Rita-Maria Schmid. Die 56-Jährige wurde vor zwei Jahren zur Äbtissin der Gemeinschaft der Schwestern der Heiligen Klara gewählt. Als solche steht sie 17 Schwestern vor.

“Das Klosterleben macht mich glücklich.”

Sr. Rita-Maria Schmid

Die Klostervorsteherin findet, dass ihre Mutter eine kühne und eine für damalige Verhältnisse emanzipierte Frau war. „Mama hat den Autoführerschein gemacht, ihr eigenes Konto gehabt und sich für Frauen in der Pfarre engagiert.“ Ihrer Tochter gab sie durch ihre Art und Lebensweise viel mit. „Sie hat mich gelehrt, mutig zu sein und zur eigenen Meinung zu stehen.“ Sr. Rita-Maria nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Wenn es etwas zu sagen gibt, dann sagt sie es.

Im Juni lud die Bischofskonferenz erstmals einige Frauen aus dem kirchlichen Bereich zu einem Studiennachmittag ein. Die Bischöfe wollten von den 14 Frauen wissen, was ihr Anliegen zum Thema Frauen und Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche ist. Die Äbtissin aus Bregenz war auch eingeladen und brachte ihre Wünsche und Befürchtungen vor.

In ihrer Freizeit wandert die Klostervorsteherin gerne.
In ihrer Freizeit wandert die Klostervorsteherin gerne.

Sr. Rita-Maria hat Angst, dass es in der Kirche bald keine Frauen mehr gibt. Denn: „Die jungen Frauen sehen keine Perspektive, in Positionen zu kommen wie die Männer.“ Die Oberin wünscht sich, dass die Kirche mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht wartet, bis die ganze Welt mittut. „Wir gewinnen an Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft, wenn wir jetzt die kirchlichen Dienste mit unserem Frausein füllen und ergänzen.“ Frauen müssten aus der Grauzone herausgeholt und befähigt werden, in besonderen Situationen Sakramente zu spenden wie etwa das der Krankensalbung und der Beichte.  „Irgendwo muss man anfangen.“ Freilich: Das übergeordnete Ziel sei, den Frauen den Zugang zu allen kirchlichen Ämtern zu ermöglichen. „Frauen müssen auch Priesterinnen und Bischöfinnen werden können, einfach gleichberechtigt werden.“ 

Die Suche nach Gott

Sie selbst fühlt sich privilegiert. „Wir Ordensfrauen haben viel Freiraum und Gestaltungsmöglichkeiten in der Kirche.“ Sr. Rita-Maria hat es noch keine Sekunde bereut, dass sie vor 23 Jahren den geistlichen Weg eingeschlagen hat. Die gebürtige Deutsche wuchs mit drei Geschwistern in einem gläubigen Elternhaus auf. “Wir haben in der Familie zusammen gearbeitet und gebetet.” Als Zehnjährige ministrierte die Tochter eines Bauern in den Ferien in ihrer Heimatstadt Bad Waldsee mit Freude bei der Heiligen Messe. “Das durfte ich nur, weil es an Buben mangelte.” Als sie 14 Jahre alt war, sagte sie zu ihrer Clique, mit der sie oft unterwegs war: ,Ich glaube, ich geh’ mal ins Kloster.’ Ihre Freunde lachten sie aus. “Sie meinten: ,Ausgerechnet du, wo du sie gerne ausgehst.'” Rita-Maria ließ in ihrer Jugend nichts anbrennen. “Ich führte ein Marktplatzleben. Aber ich spürte: ,Das kann nicht alles sein.'” In dem Teenager brach eine Suche los, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. “Ich suchte mehr und fragte mich, wo ich dieses Mehr finde.”

Die Äbtissin wohnt mit fünf Mitschwestern im ehemaligen Kapuzinerkloster in Bregenz.
Die Äbtissin wohnt mit fünf Mitschwestern im ehemaligen Kapuzinerkloster in Bregenz.

Mit 17 Jahren fing sie an, Klöster anzuschauen, mit 18 begegnete sie ihrem Traummann. Aber Rita-Maria heiratete ihn nicht. Die Suche nach Gott war ihr wichtiger. Die junge Frau ließ sich zur Altenpflegerin ausbilden und trat dann in das Franziskanerinnen-Kloster in Bad Waldsee ein. Nach sechs Jahren wechselte sie den Orden und schloss sich den Schwestern der Heiligen Klara an, “weil ich mich nach mehr Zurückgezogenheit und stillem Gebet gesehnt habe”.

Das Klosterleben macht Sr. Rita-Maria glücklich. “Es ist die beste Möglichkeit, um ein gottbezogenes Leben zu führen. Das Schönste ist, diesen Raum der Stille zu haben. Dadurch kann man die Gottesbeziehung pflegen und intensivieren. Man lernt, nicht nur mit Gott, sondern auch mit sich in Beziehung zu kommen. Das würde ich allen Menschen gönnen.” Die Ordensfrau erklärt, welchen Vorteil eine tiefe Gottverbundenheit mit sich bringt: “Wenn man in Gott beheimatet ist, hat man einen Halt, einen Anker, egal, was draußen in der Welt geschieht. Es bedroht einen nicht und bringt einen nicht aus dem Gleichgewicht. Man bleibt ruhig und kommt nicht in Panik.”

Sr. Rita-Maria Schmid

geboren 19. Juli 1964 in Bad Waldsee (Deutschland)

Wohnort Bregenz

Ausbildung Altenpflegerin

Hobbys Natur, Wandern