Klimafittes und leistbares Wohnen: ein Widerspruch?

Vorarlberg / 30.07.2021 • 05:25 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Klimafittes und leistbares Wohnen: ein Widerspruch?
Alexandra Schalegg und Martin Ploß im VN-Doppelinterview. VN/Serra

Alexandra Schalegg und Martin Ploß sprechen im VN-Interview über ihre Erfahrungen im Wohnbau im Land.

Schwarzach Leistbar oder klimafit? Beim Bauen und Wohnen muss das kein Widerspruch sein, erklärt Martin Ploß vom Energieinstitut. Allerdings bedeuten Häuser, die Energie sparen, nicht automatisch niedrigere Betriebskosten, ergänzt Alexandra Schalegg, Vorarlberg-Chefin der Alpenländischen, eines gemeinnützigen Wohnbauträgers. Im VN-Doppelinterview sprechen sie über die Vorteile von klimaneutralem Wohnbau, über die Rolle der Pelletsheizung, über Fotovoltaikanlagen und erklären, was die Wohnbauförderung damit zu tun hat.

In Vorarlberg wird gebaut ohne Ende. Denken die Bauträger an den Klimaschutz?

Schalegg Wir als Gemeinnützige sehr wohl. Was die privaten Bauträger tun, weiß ich nicht. Die müssen wohl auf andere Dinge schauen. Bei uns probiert man Dinge aus. Habt ihr mit privaten Anbietern auch Forschungsprojekte?

Ploß Ja, aber viel seltener. Da geht es eher um gemischte Projekte, wie derzeit in Wolfurt.

Normalerweise wird eher den privaten Unternehmen Innovationskraft zugeschrieben. Ist es im Wohnbau anders?

Ploß Es gibt natürlich private Bauträger, die weitaus besser bauen, als sie gesetzlich müssten. Die anderen bauen nach den staatlichen Regeln. In Vorarlberg waren die Vorgaben für die Gemeinnützigen immer schon strenger und man hat vieles ausprobiert. Untersuchungen zeigen: Wir können drei Viertel Energie und CO2 einsparen, bei drei bis fünf Prozent Mehrkosten, die während der Kreditlaufzeit kompensiert werden.

Schalegg Die Kosten verschieben sich. Das, was man bei der Energie einspart, muss für Wartungskosten wieder verwendet werden. Die Bruttomiete bleibt eigentlich gleich.

Klimafittes Bauen dient also vor allem dem Klimaschutz?

Ploß Nein, nicht nur. Bei gleichen Kosten hat man eine höhere Behaglichkeit. Im Winter ist es warm, im Sommer nicht zu heiß. Und man ist vor Energiepreissteigerungen viel besser geschützt. Ökologisches Bauen hat keine Nachteile, aber viele Vorteile. Leider wird oft nur mit Investitionskosten gerechnet, nicht mit den langfristigen.

"Ökologisches Bauen hat keine Nachteile, aber viele Vorteile."
"Ökologisches Bauen hat keine Nachteile, aber viele Vorteile."

Was muss eine Wohnanlage erfüllen, um auf dem aktuellen Stand zu sein?

Schalegg Wir errichten jedes Gebäude mittlerweile mit dem Klimaaktiv-Zertifikat. Ansonsten halten wir uns an die Wohnbauförderungsrichtlinien. Wir errichten nichts mehr mit Gas. Öl ist sowieso kein Thema. Es geht Richtung Wärmepumpe und Pellets. Fast jede Wohnanlage hat eine kontrollierte Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung. Aber am Ende ist es von den Kosten abhängig. Wir müssen mit den Investitionskosten unter dem Mantel der Förderung bleiben.

Für die Förderung darf es nicht zu teuer werden?

Schalegg Das Land gibt in der Wohnbauförderungsrichtlinie eine netto Kostengrenze vor.

Ploß Bei den öffentlichen Gebäuden in Vorarlberg funktioniert das besser. Da gibt es eine flexible Kostengrenze. Je besser das Gebäude, desto höher ist diese Grenze. Das könnte man auch für die Wohnbauförderung übernehmen.

Ist Gas überall kein Thema mehr?

Ploß Es sollte überall im Neubau kein Thema mehr sein. Das Regierungsprogramm sieht das ab 2025 vor. Aber in den letzten acht Jahren ist der Anteil an mit Erdgas beheizten Neubauten konstant geblieben.

"Das Land gibt in der Wohnbauförderungsrichtlinie eine netto Kostengrenze vor."
"Das Land gibt in der Wohnbauförderungsrichtlinie eine netto Kostengrenze vor."

Spüren Sie den steigenden Holzpreis schon?

Schalegg Wir versuchen mit Holz zu bauen, wenn es möglich ist. In Laterns sind wir gerade an einer Wohnanlage dran und hatten das Glück, dass der Vertrag schon geschlossen war, bevor der Preis stieg. Wir merken aber schon die Verspätungen.

Auch Heizen mit Holz, also mit Pellets, gilt als klimaschonend. Ist es in der Klimabilanz mit der Wärmepumpe gleichzusetzen?

Ploß Pellets sind eine sehr gute Sache zum Heizen. Allerdings ist das Biomassepotenzial in Österreich begrenzt. Wenn wir raus aus den fossilen Brennstoffen wollen, muss die Industrie sehr viel umstellen. Biomasse wird für Hochtemperaturprozesse eine Rolle spielen. Sie ist eigentlich zu schade, um Wasser auf 50 Grad zu erhitzen.

Schalegg Wenn Erdwärme oder Luftwärme möglich ist, ziehen wir es der Pelletsheizung vor. Aber auch das ist ein Kostenfaktor, vor allem beim Umstieg. Der Umstieg von Gas auf Erdwärme kostet richtig viel Geld. Wenn keine Fernwärmeleitung vorhanden ist, nehmen wir Pellets.

"Biomasse wird für Hochtemperaturprozesse eine Rolle spielen. Sie ist eigentlich zu schade, um Wasser auf 50 Grad zu erhitzen."<span class="copyright"> VN/Serra</span>
"Biomasse wird für Hochtemperaturprozesse eine Rolle spielen. Sie ist eigentlich zu schade, um Wasser auf 50 Grad zu erhitzen." VN/Serra

Wie viel muss ich für eine Mietwohnung bei Ihnen zahlen?

Schalegg Wir sind bei circa 9,60 pro Quadratmeter, inklusive Betriebskosten.

Wurde das durch klimafittes Bauen mehr oder weniger?

Schalegg Weder noch. Wir schauen, dass die Bruttomiete in dem Bereich bleibt, bekommen aber auch einen Zuschuss des Landes.

Ploß Beim Forschungsprojekt Klinawo mit der Vogewosi haben wir es geschafft, dass wir drei Viertel Energie sparen, auf die Kreditlaufzeit von 35 Jahren aber günstiger sind. Beim Energieverbrauch haben wir bessere Werte erreicht als kalkuliert. Das hat dazu geführt, dass die Miete zweimal gesenkt werden konnte.

Schalegg Wir machen halt die Erfahrung, dass man zwar Heizung und Warmwasserkosten senken kann, aber jedes Jahr steigen die Gebühren für Müll, Kanal und Wasser. Diese Kosten können wir nicht beeinflussen.

Und der Stromverbrauch steigt durch Wärmepumpen.

Schalegg Darum bauen wir Fotovoltaik-Anlagen auf die Dächer.

Ploß Da habt ihr ein super Projekt in Dafins mit zwei großen PV-Anlagen. Übers Jahr gesehen decken sie den ganzen Strombedarf, natürlich nicht immer zeitgleich.

Schalegg In Dafins hat die VKW mit allen Mietern einen Vertrag abgeschlossen, dass der Überstrom in den Wohnungen genutzt wird. Erst was übrig bleibt, geht ins Netz. Wir beobachten gerade, wie sich dieses Mieterstrommodell entwickelt.

Ploß Die Mieter sparen sich rund 15 Cent für den Strom, den sie nicht kaufen müssen. Den Rest speisen sie ein, da bekommen sie aber viel weniger.

"Die Leute sollen waschen, wenn sie Dreckwäsche haben. Wenn einer darauf achten will, ist es gut. Aber das kann man nicht voraussetzen."<span class="copyright"> VN/Serra</span>
"Die Leute sollen waschen, wenn sie Dreckwäsche haben. Wenn einer darauf achten will, ist es gut. Aber das kann man nicht voraussetzen." VN/Serra

Müssen die Mieter darauf achten, dass sie Strom verbrauchen, wenn die Sonne scheint?

Ploß Es gab vor ein paar Jahren ein Modellvorhaben, bei dem man den Leuten das gesagt hat. Ich halte nichts davon. Da können vielleicht drei Prozent Strom gespart werden. Die Leute sollen waschen, wenn sie Dreckwäsche haben. Wenn einer darauf achten will, ist es gut. Aber das kann man nicht voraussetzen. Mehr Sparmöglichkeiten wird es durch das Erneuerbaren Ausbaugesetz geben. Die Energiegemeinschaften werden die Attraktivität von PV-Anlagen steigern, weil der Überschussstrom besser verkauft werden kann.

Schalegg Dann muss ich ihn nicht mehr um fast nichts ins Netz speisen. Die aktuellen Einspeistarife sind nicht sehr attraktiv.

Ploß Nein, die sind nicht sehr hoch.

Schalegg PV wird sicher zum Standard. Vor allem, wenn die Lotterie bei den Förderungen wegfällt. Man sollte sich auf die Förderungen verlassen können.

Ploß Wir haben dem Land vorgeschlagen, dass es in der Wohnbauförderung einen neuen Bonus für größere Anlagen gibt. Viele Gewerbliche bauen zwar PV-Anlagen, aber gerade so groß, dass sie die Mindestanforderungen erfüllen.

"Wir haben dem Land vorgeschlagen, dass es in der Wohnbauförderung einen neuen Bonus für größere Anlagen gibt."<span class="copyright"> VN/Serra</span>
"Wir haben dem Land vorgeschlagen, dass es in der Wohnbauförderung einen neuen Bonus für größere Anlagen gibt." VN/Serra