Matthias Strolz: Warum Sebastian Kurz nie mehr Kanzler wird

Vorarlberg / 10.10.2021 • 23:00 Uhr
Matthias Strolz: Warum Sebastian Kurz nie mehr Kanzler wird

VN-Gastkommentar von Matthias Strolz

Es werden schwierige Monate für Österreich. Wir brauchen als Bürgerinnen und Bürger gute Nerven, Großmut und einen scharfen Blick. Die türkis-grüne Koalition wird weitermurksen. Das wechselseitige Vertrauen jedoch ist zerbrochen. Voraussichtlich 2022 werden wir neu wählen.

Sebastian Kurz ist als Kanzler Geschichte. Doch die Kurz-Gang will nicht weichen. Offensichtlich brauchen solche „Verdauungsprozesse“ ihre Zeit. Zudem: Wohin sollen sie gehen? Einige von ihnen werden für Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit ins Gefängnis wandern, sämtlichen Top-Repräsentanten droht die soziale Beschämung. Unter anderem jenen Landeshauptleuten, die sich nicht klar distanzieren.

Auch für die Kurz-Wählerinnen und -Wähler ist es nicht einfach, sich einzugestehen, dass sie auf Strich und Faden getäuscht und angelogen, ja missbraucht wurden. Manche werden daher von ihrem Trugbild nicht ablassen. Dieses Verhalten ist ein Echo auf andere Enttäuschungen oder gar Lebenslügen, die uns als Menschen so passieren; oder die wir zulassen.

Mit Sebastian Kurz wurde eine Kunstfigur Kanzler. Diese hat nun tiefe Risse. Die Einblicke in das Innere werden für Enttäuschung, Beklemmung und Wut sorgen. Weite Teile des Landes werden in eine Katerstimmung wachsen. Es steht ein kollektiver Trauer- und Heilungsprozess bevor. Wie konnte uns das passieren – schon wieder!? (vgl. Haider, Grasser, Strache)

Narzissmus verbirgt sich gerne hinter gespielter Freundlichkeit, Genialität und Entschlossenheit. Aber schon Abraham Lincoln wusste: „Man kann das ganze Volk eine Zeit lang täuschen und man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen, aber man kann nicht das ganze Volk die ganze Zeit täuschen.“

Immer mehr Leute erkennen, dass die Menschenverachtung der Kurz-Gang auch für sie persönlich gilt. Bereits die erste Welle der Chats im Frühjahr offenbarte überhebliche Abschätzigkeit und erotisch geladene Verluderung (vgl. Frauen als „leicht führbare Weiber“; „ich liebe meinen Kanzler“; Erpressung von Würdenträgern der Kirche). Die Gefälligkeit und das Zuhören sind gespielt. Es sind politisch Halbstarke, einer Regierung unwürdig.

Nun dämmert, dass Kurz & Co. wohl auch die Wählerinnen und Wähler für „Arsch“ und „(alte) Deppen“ halten. Erträglich sind die Leute in Stadt und Land – dieser „Pöbel“, diese „Tiere“ (O-Ton Kurz-Intimus T. Schmid) – nur, weil sie den Schlüssel zur persönlichen Karriere darstellen. Ob ihrer brutalen Kaltschnäuzigkeit war es in ihrer Welt dann auch logisch, die Wahlen 2017 und 2019 mit illegalen und mutmaßlich korrupten Praktiken zu bestreiten. In weiteren Schritten gälte es, die demokratische Mühsal so weit wie möglich abzustreifen. Der Weg in den autoritären Staat hat bei Kurz & Co. keinen ideologischen Hintergrund, sondern rein karriereoptimierendes Kalkül. Land und Leute sind nur Mittel zum Zweck.

Doch unsere liberale Demokratie ist kraftvoll genug, diese Erschütterung auszuhalten. Wir als Bevölkerung sind klar genug, um zu begreifen, dass sich ein Volk selbst ins Verderben führt, wenn wir Korruption, Lüge und Unverfrorenheit als gesellschaftlichen Standard installieren. Anders ausgedrückt: Was sollten wir unseren Kindern sagen, wenn sie sich einem korrupten und verlogenen Lebenswandel zuwenden? Sie würden uns antworten: „Aber das macht man doch so. Damit ist man doch erfolgreich, oder!?“

Der gesunde Menschenverstand, der uns innewohnende Gemeinschaftssinn und das aufrechte Gewissen sagen uns, dass wir in diesem Zustand nicht ankommen wollen. Daher wird Sebastian Kurz nie mehr Kanzler werden.

Matthias Strolz ist Unternehmer und Autor. Er war von 2012 bis 2018 Chef der Neos.