Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Erst kommt das Fressen

Vorarlberg / 17.10.2021 • 22:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das Imperium schlägt zurück. Was haben sie nur alles an Demütigungen geschluckt, die sechs Landeshauptleute der ÖVP. Selbstentmachtung bei der Kandidatenaufstellung im eigenen Bundesland, Blankoscheck für den Jungstar, bedingungslose Unterwerfung. Als bekannt wurde, dass Sebastian Kurz Kirchenvertreter grob beleidigt hat, haben sie geschwiegen. Das überharte Vorgehen beim Flüchtlingslager Moria hat so manchem nicht geschmeckt. Man hat geschwiegen. Aber als öffentlich geworden ist, dass er sie „alte Deppen“ genannt hatte, das war dann zu viel. In einer bizarren Koalition mit Werner Kogler haben sie den gefallenen Jungstar zum Rücktritt gezwungen. „Beiseitetreten“ wurde der Absturz höflich formuliert. Bis das wahre Ausmaß der Chatprotokolle bei den VP-Landeshauptleuten eingesickert ist, war es ein Prozess auf Raten. Nach dem ersten Schock über die Hausdurchsuchungen in der ÖVP-Zentrale und dem Bekanntwerden der Chats leisteten die Landeshauptleute dem Kanzler noch einhellig den Treueschwur. „Kurz hat uns zweimal einen Wahlerfolg gebracht“, begründete der Tiroler Landeshauptmann Platter die Unterstützung, nachdem er sich zunächst, laut „Profil“, mit der Unterschrift noch geziert hatte. Wie heißt es bei Bert Brecht: „Erst kommt das Fressen (Wahlerfolg), dann die Moral.“ 24 Stunden später hat der wendige Slalomfahrer Platter dann zum Kurz-Rücktritt beigetragen.