Die Silvretta verliert ihre Gletscher

Vorarlberg / 01.11.2021 • 11:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Silvretta verliert ihre Gletscher
 Der Ochsentaler Gletscher 2020. VN

Die Gletscher der Silvretta sind bald Geschichte, wie zwei aktuelle Studien zeigen.

Bregenz, Innsbruck Im Sommer sollten sie schrumpfen, im Winter wieder entsprechend wachsen. Die Gletscher der heimischen Alpen sind aber vor allem am Schrumpfen, warnen Lea Hartl und Andrea Fischer von der Akademie der Wissenschaften. Vorarlbergs Gletscher werden in näherer Zukunft vollständig verschwunden sein, sind die beiden Glaziologinnen überzeugt. Nur drei der 43 verbliebenen Gletscher der Silvretta sind über ein Quadratkilometer groß, 19 kleiner als 100.000 Quadratmeter oder 14 Fußballfelder.

Die Forschung von Hartl belegt, dass es den Gletschern nicht gelingt, den Eisschwund an den Ausläufern wettzumachen. <span class="copyright">Akademie der Wissenschaften, Lea Hartl, mit Material des Landes Vorarlberg</span>
Die Forschung von Hartl belegt, dass es den Gletschern nicht gelingt, den Eisschwund an den Ausläufern wettzumachen. Akademie der Wissenschaften, Lea Hartl, mit Material des Landes Vorarlberg

Silvrettagletscher

Ihre größten Ausmaße der jüngeren Vergangenheit erreichten die Alpengletscher um etwa 1850, dem Ende der Kleinen Eiszeit. Seitdem sind sie mit zwei Unterbrechungen im Rückgang begriffen. Einen ersten Minimalstand erreichten die Gletscher Ende der 1960er, bevor bis Ende der 1980er eine Wachstumsperiode einsetzte. Der Stand von 1969 wurde 2000 erstmals unterschritten. Seit 2003 sind Bereiche aper, die zuvor für Jahrhunderte bis weit über 1000 Jahre von Gletschern bedeckt waren. Die Silvrettagletscher gelten als die Quelle der Ill, vor allem der Ochsentaler Gletscher.

 Vor allem die Ausläufer des Ochsentaler Gletschers ziehen sich zurück. <span class="copyright">Akademie der Wissenschaften, Lea Hartl, mit Material des Landes Vorarlberg</span>
Vor allem die Ausläufer des Ochsentaler Gletschers ziehen sich zurück. Akademie der Wissenschaften, Lea Hartl, mit Material des Landes Vorarlberg

Denn das Ungleichgewicht zwischen Abschmelzen und Eiswuchs hat an fast allen Gletschern in Tirol und Vorarlberg zugenommen. Nur kleinste Gletscher in Sonderlagen konnten ihren Rückgang etwas einbremsen. Hartl untersuchte drei Gletschergruppen, darunter auch die Silvretta, und deren Entwicklung seit 1969. Mit Computermodellen vereinte sie dabei individuelle Untersuchungen mit regionalen Trends. Das Ergebnis bestätigt Wahrnehmungen des Alpenvereins: Die Gletscher schmelzen inzwischen anders. ” In der ersten Zeitperiode (1969-1997) waren die Verluste oft noch gleichmäßiger über die Gletscherflächen verteilt, da die Fließbewegung des Eises von oben nach unten das Abschmelzen an den Zungen zumindest teilweise ausgleichen konnte”, erklärt Hartl. “Das ist immer weniger der Fall. Manche Gletscherzungen zerfallen regelrecht, während die Verluste weiter oben vergleichsweise geringer sind.”

Das Verschwinden des Fluchthornferner Gletschers

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Die Folgen: Seitenarme verlieren die Verbindung zum Hauptgletscher, Gletschertore und andere unterspülte Bereiche stürzen ein. Dies gilt vor allem für die großen Gletscher wie den Jamtalferner oder den Ochsentaler Gletscher. “Die größeren Silvrettagletscher haben mittlerweile kein oder kaum noch ein Akkumulationsgebiet, wodurch das Abschmelzen deutlich beschleunigt wird”, warnt Hartl.

Der Verhupf-Gletscher seit 1954

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Fischer untersuchte ebenfalls das Verschwinden der Silvretta-Gletscher (siehe Videos), ihr Paper wurde Anfang Oktober veröffentlicht. Ihr Ergebnis: Die Silvretta verlor seit 2004 etwa 29 Prozent der vom Eis bedeckten Fläche, ihre Gletscher haben nur mehr ein Drittel der Ausmaße von 1850. Faktisch bereits verschwunden sind der Fluchthornferner und die Schnapfenkuchl Gletscher in der Tiroler Silvretta. Das Tempo des Gletscherrückgangs in der Silvretta steige.

Der Litzner Gletscher

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Gletscher hinken Klima hinterher

Der Gletscherschwund birgt auch ein Problem für die Forscher: Was gilt noch als Gletscher? Fischer betont die Gefahr von Mindestgrößen, derzeit bei 50.000 Quadratmetern, wie auch die Frage, ob abgetaute Geröllgletscher noch Gletscher sind. Es droht ansonsten die Gefahr, dass wichtige Entwicklungen und Klimafaktoren aus dem Fokus der Glaziologen fallen. Denn selbst schnelle Maßnahmen würden den Gletscherschwund nicht ausbremsen: “Auch falls die Erwärmung zeitnah gestoppt wird, werden die Gletscher noch einige Zeit weiter schmelzen. Sie hinken dem Klima immer etwas hinterher und reagieren mit Verzögerung auf klimatische Veränderungen, ein neues Gleichgewicht kann sich also, wenn überhaupt, nur verzögert einstellen”, sagt Hartl.

Livecam am Jamtalferner Gletscher in der Silvretta

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