Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Klimakrise: Schauen wir lieber hin

Vorarlberg / 03.01.2022 • 19:42 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Welt wird in sechs Monaten von einem Kometen zerstört, Wissenschafterin („Hysterikerin“) und Wissenschafter („Spinner“) warnen vor dem Einschlag, der alles Leben auf der Erde vernichten kann – aber Politik, Medien und Hightech-Milliardäre nehmen die Warnungen nicht ernst. Ignoranz, Gier, Dummheit, wohin man blickt. Am Ende trifft der Komet die Erde, so wie berechnet. Und löscht die Menschheit aus.

„Don’t look up“ heißt die Film-Satire, die derzeit in den Kinos und bei Streaming-Plattformen läuft. „Schaut nicht hinauf“, hat Meryl Streep als amerikanische Präsidentin der Welt zuvor noch zugerufen. Zur Beruhigung, der Komet tut doch nichts! Die schwarze Komödie mag etwas zu dick auftragen, die Botschaft ein bisschen platt vermitteln, aber sie ist doch eine interessante Allegorie für das, was wir derzeit in unserer Welt erleben: die Verleugnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Klimakrise. Dass der Film, der als Parabel für die Bedrohung des Klimas gedacht war, sich nun auch als Erzählung der Covid-19-Pandemie lesen lässt, zeigt eine traurige Tatsache: Menschen wollen die Realität wissenschaftlicher Erkenntnis gerne verleugnen, aus unterschiedlichen Motiven.

Das Virus als Verstärker

Wir gehen bald ins dritte Jahr der Pandemie, und durch den großen Druck, den Corona auf fast alle ausübt, hört man die Stimmen der Klimaschutz-Aktivistinnen und -Aktivisten nicht so laut. Das Virus wirkt wie ein Verstärker gesellschaftlicher Entwicklungen, die schon vor 2020 erkennbar waren, sich nun aber massiv beschleunigt haben. Corona hat die Digitalisierung schneller vorangetrieben, die Individualisierung in den Wettbewerbsgesellschaften weiterbefördert oder den Rückzug ins Private noch mehr verstärkt: mein Haus, meine Wohnung, mein Reich.

Der Kampf gegen die Pandemie brachte bisher aber leider keine grundlegenden Erkenntnisse für den gemeinsamen Einsatz gegen die Klimakrise. Unstimmigkeiten in der EU, Uneinigkeit im eigenen Land, Ungerechtigkeit bei der weltweiten Verteilung der Impfstoffe. Wie soll man sich so effektiv gegen eine Bedrohung des Planeten wehren, gegen die es eben keine Impfung gibt? Eine Bedrohung, die noch weitaus komplexer zu lösen ist als die Auslöschung eines Virus? Corona ist eine große Alarmübung, aus der wir bis jetzt noch nicht so viel gelernt haben.

Wie können Staaten international im Krisenfall effektiver zusammenarbeiten? Wie kann man aus den Fehlern in der Pandemie für die Zeit danach lernen? Wie kann man wieder mehr Gemeinschaftsdenken in den individualisierten Gesellschaften erreichen? Fragen, die man nicht ausblenden kann: Schauen wir lieber hin.

„Corona ist eine große Alarmübung, aus der wir bis jetzt noch nicht so viel gelernt haben.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

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