Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Ewige Wiederkehr

Vorarlberg / 04.01.2022 • 20:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das Leben ist schön, das darf nicht angezweifelt werden. Sie waren ohne Hunger, schliefen in einem warmen Bett und konnten einkaufen, was sie brauchten. Oft dachten sie mit schlechtem Gewissen an die Menschen unter den Brücken, die sich das alles nur erträumten.

Manchmal gab es nichts zu schreiben, nichts zu sagen, es gab sie, die Tage ohne Worte. Ewige Wiederkehr des Gleichen.

Um zwölf Uhr Mitternacht, als das Neue Jahr mit Feuerwerk begrüßt wurde, waren Mann und Frau ganz still geworden. Jeder für sich dachte an das Leben davor, ließ es im Schnelllauf vorbeiziehen. Beiden fiel es schwer, sich die Zukunft vorzustellen. Was wird in einem Jahr sein, was in zwei? Was wird in zehn Jahren sein, wird eintreffen, was die Frau in Rom geweissagt hatte?

„Es war nur ein Spaß“, sagte der Sohn, „ich glaube nicht daran.“ Die Frau aus Rom hatte ihm geweissagt, dass er ab vierzig ein erfolgreicher Künstler sein würde. Sein Erfolg wäre nicht mehr aufzuhalten.

Der Sohn wiederholte, es war nur ein Spaß in Rom, trotzdem glaubte er im Innersten, im kleinsten Teil seines Innersten daran. Das konnte nur gut sein. Es hieß, daraufhin müsste er arbeiten. Nichts fällt vom Himmel. Je näher sein vierzigster Geburtstag käme, umso unruhiger würde er sein.

„Du glaubst doch nicht im Ernst daran, Mama, dass ich daran glaube?“, sagte der Sohn.

An einem schwarzen Tag war der Hund eines Freundes, ein kleiner Mischling, von einem Kampfhund totgebissen worden. Sein kleines Mädchen war darüber untröstlich und wollte es nicht glauben. Es dachte, wenn ich am Abend einschlafe, wird mein lieber Hund am Morgen vor meinem Bett stehen und mich mit seinen wachen Augen anschauen. Am Morgen vertröstete sich das Kind auf den nächsten Tag, dann wieder auf den übernächsten, und so weiter, bis das Unglück nur mehr ein Schatten war. Könnte sein, dass sich die Nacht umstülpt und zum Tag wird? Dass der Tag in der Nacht stattfindet und man ihn nicht erlebt, weil man geschlafen hat? Dass der Traum das Kind an der Hand nimmt und in ein Haus führt, wo die verflossenen Dinge versteckt sind? Sie treten hervor und sammeln sich zu Geschichten. Die Geschichten dann, werden aufgeschrieben und in einem Buch veröffentlicht. Das Buch wird gekauft, gelesen und verloren. Ein neuer Tag bricht an, bald endet das Jahr, und wieder fängt alles von vorne an. Die Epidemie verschwindet, ein Krieg bricht aus. Frische Kinder werden geboren. Die Alten sterben. Niemand kennt sich aus.

„Die Epidemie verschwindet, ein Krieg bricht aus. Frische Kinder werden geboren. Die Alten sterben. Niemand kennt sich aus.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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