Omikron erfordert Umdenken

Vorarlberg / 04.01.2022 • 20:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Den Impfschutz der Bevölkerung sehen die Modellrechner reduziert.APA
Den Impfschutz der Bevölkerung sehen die Modellrechner reduziert.APA

Hohe Ansteckungszahlen, geringer Impfschutz: Es drohe eine Durchseuchung Österreichs.

WIEN, PARIS Ein reiner Fokus auf die Intensivbettenbelegung könnte aufgrund der erhöhten Übertragbarkeit überholt sein. Der Complexity Science Hub Vienna (CSH), ein Verein mehrerer österreichischer und internationaler Universitäten und Institute zur Komplexitätsforschung, warnt vor einer drohenden Durchseuchung der Gesellschaft mit Krankenständen von bis zu 20 Prozent der Bevölkerung.

„Omikron macht den bisherigen Ansatz in der Pandemiebekämpfung obsolet“, warnen Peter Klimek und Stefan Thurner vom CSH und der Medizinischen Universität Wien, den Blick wie bisher allein auf die Bettenkapazitäten der Intensivstationen zu richten. „Mit Omikron könnten nun aber andere Gesellschaftsbereiche und Infrastrukturen bereits früher an ihre Limits kommen.“ Neben einer Neudefinition der Kapazitätsgrenzen müsse der Fokus auf die Krankenstände in kritischen Infrastrukturen wechseln. Auch eine Verkürzung der Quarantäne bei hohen Fallzahlen wäre eine Option.

Impfschutz reduziert

Eine Eindämmung der Omikron-Variante habe man verpasst. „Somit bleibt wieder einmal nur die Frage, ob man die Durchseuchung langsam oder schnell geschehen lassen will“, fasst das CSH zusammen. Dies müsse die Politik der Bevölkerung aber verbindlich mitteilen, damit sich diese vorbereiten kann und individuelle Maßnahmen wie eine Boosterimpfung treffen kann.

Die Impfung bleibt dabei das wesentlichste Instrument der Eindämmung der Pandemie, auch wenn sie zunehmend so verstanden werden muss, dass sie einen länger dauernden Schutz vor schwerer Erkrankung mit einem kurzfristigen Schutz vor symptomatischer Infektion verbindet. Hier warnt der CSH aber vor einem reduzierten Schutz: Demnach waren zuletzt 72 Prozent der Bevölkerung vor einer symptomatischen Infektion durch Delta geschützt. Bei der Omikron-Variante gehen die Modellrechner von nur knapp 42 Prozent aus. So gering war der Immunschutz der Bevölkerung zuletzt Ende Juni. Es droht daher eine Überlastung des Gesundheitssystems, entweder durch Personalmangel oder einem neuen Höchstwert an belegten Coronabetten.

Bislang deutet alles darauf hin, dass das Risiko einer schweren Erkrankung durch Omikron geringer ausfällt als bei der Delta-Variante. Die Virologin Dorothee Van Laer appellierte im Ö1-Mittagsjournal, sich dennoch impfen zu lassen, zumal die Delta-Variante möglicherweise nicht vollständig von Omikron verdrängt werden könnte. Außerdem gab sie zu bedenken, „dass wir auf den Intensivstationen noch nicht viel Luft nach oben haben“.

Neue Coronavariante

In Frankreich gibt es derweil Hinweise auf eine neue Variante des Coronavirus mit der Benennung B.1.640.2. Sie wurde bei bislang zwölf Menschen im Südwesten des Landes nachgewiesen und soll ihren Ursprung in Afrika haben. Inoffiziell wurde die Variante nach dem Institut IHU Méditerranée Infection, dessen Wissenschaftler die ersten Daten zur neuen Variante im Dezember vorlegten, benannt.

Eine große Gefahr durch die Variante können namhafte Wissenschaftler bislang nicht erkennen. „Wir sollten diese wie auch andere Varianten beobachten, aber es besteht kein Grund, speziell über diese Variante besorgt zu sein“, sagte Richard Neher, Experte für Virusvarianten an der Uni Basel. Der US-Epidemiologe Eric Feigl-Ding schrieb auf Twitter: „Ich bezweifle, dass sie sich gegen Omikron oder Delta durchsetzt.“ VN-RAU

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