„Wenn ich jemanden anzeige, dann bin ich kein Mann“

Vorarlberg / 04.01.2022 • 21:47 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Beim Prozess ging es nicht nur um Körperverletzung, sondern auch um verletzte Ehre. vn/gs
Beim Prozess ging es nicht nur um Körperverletzung, sondern auch um verletzte Ehre. vn/gs

Schlägerei unter Tschetschenen mit teilbedingter Geldstrafe geahndet.

Lustenau Beim Prozess am Landesgericht Feldkirch geht es um den Vorwurf der schweren Körperverletzung.

Der 18-jährige Angeklagte stammt aus der russischen Föderation, ist arbeitslos und lebt in Vorarlberg „irgendwie von null Euro“. Das ist alles, was Richter Richard Gschwenter bei der Befragung des Beschuldigten bezüglich dessen Personalien von ihm selbst erfahren kann.

Wesentlich klarer sind hingegen die Vorwürfe seitens der Staatsanwaltschaft. So soll der junge Tschetschene einen Landsmann mit mehreren Faustschlägen ins Gesicht attackiert haben.

Drei Wochen nur Suppe

Sein angebliches Opfer (19) sagt als Zeuge vor Gericht: „Mein Kiefer war gebrochen. Noch heute habe ich Probleme, den Mund zu öffnen. Wegen der Schrauben. Und drei Wochen habe ich nur Suppe schlürfen können.“ Weshalb es an jenem Tag im Sommer überhaupt zu dieser Auseinandersetzung zwischen den beiden gekommen war, ist beim Prozess nicht greifbar zu eruieren. Die Aussagen von Täter und Opfer divergieren.

„Er ist vom Fahrrad gestürzt und behauptete dann, ich hätte ihm den Kiefer gebrochen“, beschwört der Angeklagte. Nur so könne er sich die schweren Verletzungen im Gesicht erklären. Im Übrigen sei er selbst von dem Belastungszeugen angegriffen worden.

Sein Kontrahent entgegnet: „Ich war damals gar nicht mit dem Fahrrad unterwegs. Nach seinen Faustschlägen drohte ich ihm, dass er zahlen muss, wenn bei mir was gebrochen ist. Ansonsten würde ich ihn anzeigen.“

Verletzte Ehre

Diese Drohung kratzte am Ehrgefühl des angeklagten Tschetschenen. „Wenn ich jemanden anzeige, dann bin ich kein Mann!“, stellt er vor Gericht klar und ergänzt: „Mein Vater ging nachher zu seinen Eltern, um Frieden zu stiften. Beim Verzicht auf eine Anzeige würde er alles anbieten, was es gibt, sogar Geld“, erinnert sich der Angeklagte plötzlich, aber: „Sein Vater hingegen wollte kein Geld, sondern dass wir das mit einem weiteren Kampf klären.“

Richter Gschwenter versteht und macht deutlich: „So etwas wie Blutrache oder Auge um Auge gibt es hierzulande nicht.“ Der 18-Jährige wird wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Strafe: 1040 Euro in 260 Tagessätzen à vier Euro zur Hälfte bedingt. Außerdem muss er seinem Landsmann 1100 Euro Schmerzengeld bezahlen. Dass der Verurteilte damals auch selbst attackiert worden war, schließt der Richter nicht aus, begründet aber: „Wer sich auf einen Kampf einlässt, hat das Recht auf Notwehr verwirkt.“ VN-GS

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