“Ohne Maßnahmen spielen wir russisches Roulette”

Vorarlberg / 05.01.2022 • 18:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Rotes-Kreuz-Kommandant mahnt zur Vorsicht. Bundesregierung diskutiert kürzere Quarantäne.

Wien, Schwarzach „Das Tempo ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend“, sagt Bundesrettungskommandant Gerry Foitik. Die Zahl der Infizierten steige aufgrund der Omikronvariante rasant. Nun müsse gegengesteuert werden, erklärt der Manager des Roten Kreuzes am Mittwoch im VN-Gespräch. Einen Lockdown brauche es noch nicht, strengere Maßnahmen aber sehr wohl.

Kritische Infrastruktur im Fokus

Foitik ist Mitglied der Gruppe zur gesamtstaatlichen Covid-Krisenkoordination (Gecko), die bereits am Dienstag tagte. Man habe die Arbeitsaufträge der Bundesregierung abgearbeitet und über die aktuelle Situation beraten, hieß es in einer Aussendung. Der Fokus liegt laut Gecko nun auf der kritischen Infrastruktur. Trotz zunehmender Infektions- und Quarantänezahlen brauche es weiterhin ausreichend Personal in Bereichen wie Gesundheits-, Lebensmittel- und Energieversorgung.

Heute, Donnerstag, will die Bundesregierung mit Ländern und Experten über entsprechende Maßnahmen beraten und die Ergebnisse um 14 Uhr präsentieren. Im Mittelpunkt der Debatte stehen die Quarantäneregeln. Die meisten Landeshauptleute, auch der Vorarlberger Markus Wallner, haben sich für eine kürzere Dauer ausgesprochen. Am Mittwoch forderten die Landesärztekammer-Präsidenten, dass Dreifach-Geimpfte nicht in Quarantäne müssen, sollten sie mit einer infizierten Person in Kontakt gekommen sein. Zudem solle die Quarantäne bei Symptomlosigkeit nach fünf Tagen enden.

Sorge vor fehlendem Personal

„Wir haben Landeshauptmann Markus Wallner ersucht, beim Bund entsprechend zu intervenieren“, bestätigt Ärztekammerpräsident Michael Jonas. Er fürchtet, dass es in Krankenhäusern und Ordinationen bald zu wenig Personal geben könnte, sollten die Infektionszahlen in die Höhe schnellen. Bereits vor Weihnachten sind seinen Aussagen zufolge Arzthelferinnen ausgefallen und Praxen deshalb gesperrt worden. Jonas kann sich auch vorstellen, dass symptomlose Infizierte weiterarbeiten. „Wir müssen zwar vorsichtig sein, unter Einhaltung entsprechender Schutzmaßnahmen und bei wenig Personenkontakt sollte das jedoch möglich sein.“

Gesundheitsexperte Armin Fidler fordert, bei einer Quarantäneverkürzung mit Bedacht vorzugehen. „Das ist eine Notfallmaßnahme“, betont er, sagt aber auch: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass in der kritischen Infrastruktur das Personal wegbricht.“ Das Ausmaß beziffert er mit zehn bis 20 Prozent. Vor diesem Hintergrund meint auch er, dass symptomlose Betroffene unter Schutzmaßnahmen arbeiten können. Auf jeden Fall brauche es Notfallpläne – noch bevor der Notfall eintrete. 

Lockdown noch kein Thema

Kein Thema dürfte bei dem heutigen Treffen in Wien ein Lockdown sein. Auch Gerry Foitik hielte das für verfrüht. Bevor es soweit komme, gebe es andere Möglichkeiten, um gegenzusteuern. Zentral sei es, Kontakte zu reduzieren und sich bei Kontakten zu schützen, etwa durch Treffen im Freien, das Tragen einer FFP2-Maske, Abstandhalten und Händewaschen. Wer sich angeschlagen fühle, solle möglichst niemanden treffen.

Es müsse auch diskutiert werden, bei welchen Kontakten am wenigsten Schutz möglich sei und auf welche man am ehesten verzichten könne, sagt der Manager des Roten Kreuzes. Die Gastronomie sei dabei sicher Thema. Strengere Kontrollen seien offenbar nicht durchzusetzen. Zudem glaubt Foitik, dass Homeoffice helfen würde: „Wo es möglich ist, sollte man es auf jeden Fall machen.“ Ein Lockdown werde nur wahrscheinlicher, „wenn wir jetzt nichts tun“.

Unkalkulierbare Risiken

Aktuell befinde sich Österreich in einer guten Lage, um Omikron einzudämmen. Mitverantwortlich sei der vergangene Lockdown. Die Ausgangsposition werde aber mit jedem Tag schlechter. Foitik warnt davor, auf eine Durchseuchung zu setzen. Die Forscher des Complexity Science Hub hätten in einem Szenario errechnet, dass sich bis zu 20 Prozent der Bevölkerung binnen kurzer Zeit infizieren könnten. Das wären 1,79 Millionen Menschen. Zahlreiche weitere müssten in Quarantäne, was einem Mini-Lockdown gleichkäme. Ebenso wäre mit schweren Erkrankungen zu rechnen. „Es gibt auch ein unkalkulierbares Risiko für Spätfolgen. Einer so großen Unsicherheit sollte man mit großer Vorsicht begegnen.“ Ohne weitere Maßnahmen würde das Virus dem Zufall überlassen. Vor allem vulnerable Gruppen wären betroffen. Sie könnten sich zwar ein wenig schützen, wären aber gleichzeitig auf die Solidarität der anderen angewiesen, sagt Foitik. „Dann spielen wir in der Gesellschaft russisches Roulette.“ VN-ebi, mm

„Einer so großen Unsicherheit sollte man mit großer Vorsicht begegnen.“

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