Femizid in Hohenems: Damit sie nicht vergessen wird

Vorarlberg / 09.01.2022 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Femizid in Hohenems: Damit sie nicht vergessen wird
Daniel (Mitte) mit Karin und Hansjörg. Sie organisieren die Beerdigung, damit niemand Daniels Annamária vergisst. VN/Stiplovsek

Am 16. Dezember wurde Annamária von ihrem Exfreund erstochen. Ihr Daniel hält das Gedenken an sie hoch.

Lustenau Was in dieser einen Stunde geschah, lässt sich nicht feststellen. Klar ist: Um 9.30 Uhr telefoniert Daniel mit seiner Annamária. Um 10.30 Uhr erreicht er sie nicht mehr. Er versucht es immer und immer wieder. In der Todesfallanzeige im Krankenhaus Feldkirch wird später 11.56 Uhr als Todeszeitpunkt angegeben. Annamária ist der 26. sogenannte Femizid im Jahr 2021. Am 16. Dezember in Hohenems hat österreichweit zum 26. Mal ein Partner oder Expartner seine Frau oder Exfrau umgebracht. Die Familie des neuen Freundes des Opfers möchte das Andenken an Annamária bewahren. Das Andenken an eine Frau, die es nie einfach hatte.

Keine einfache Zeit

Zwei Wochen nach der Tat sitzt Daniel am Tisch seiner Wohnung und erzählt. Erst im Sommer hat er Annamária kennengelernt. “In einem Café am Dornbirner Bahnhof. Am 15. August, das weiß ich noch genau. Sie hat bedient. Wir haben uns sofort verstanden.” Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Die beiden sind rasch ein Paar. Drei bis vier Tage pro Woche lebt Annamária bei Daniel in Lustenau. Den Rest verbringt sie in ihrer eigenen Wohnung in Hohenems. Dort wohnt noch ihr Expartner. Annamária befindet sich zu diesem Zeitpunkt seit sechs Jahren in Vorarlberg, auf der Suche nach einem besseren Leben.

Daniel mit dem Engel, den er von seiner  Annamária  bekommen hat.<span class="copyright"> VN/Stiplovsek</span>
Daniel mit dem Engel, den er von seiner Annamária bekommen hat. VN/Stiplovsek

Social Media ermöglicht noch einen Einblick in ihr altes Leben. Fotos zeigen sie mit ihrem damaligen Mann und ihrem Sohn, alle stets mit einem Lachen im Gesicht. Hinter der Fassade dürfte es nicht immer so gewesen sein. Jedenfalls dürfte das Paar beschlossen haben, sein Glück in Vorarlberg zu versuchen. Der Mann sei 14 Tage hiergeblieben, erzählt Daniels Mutter Karin. Annamária bleibt. Sie wohnt und arbeitet in Hohenems. Irgendwann verliert sie Job und Wohnung, Alkohol wird ein stetiger Begleiter, sagt Karin. Sie kommt in einem Haus für Wohnungslose in Dornbirn unter und lernt dort ihren späteren Mörder kennen. Als Annamária in Hohenems eine Wohnung findet, zieht er mit ein.

Femizid in Hohenems: Damit sie nicht vergessen wird

Daniels Mutter Karin schwärmt: “Sie hat Daniel sehr gutgetan. Er war glücklich.” Daniel und Annamária verbringen viel Zeit miteinander, schicken Selfies an seine Eltern. “Am schönsten war es immer, wenn sie bei mir war”, erzählt Daniel. Er wischt sich eine Träne aus dem Gesicht, als er an den 16. Dezember zurückdenkt. Sie schläft bei ihm. In der Früh bringt er Annamária zur Bushaltestelle. Als er sie danach nicht erreicht, macht er sich selbst nach Hohenems auf. Während der Fahrt teilt ihm ein Freund mit, dass Annamária mit einer schweren Stichverletzung vor dem Haus gefunden worden sei.

Ma hilft greift unter die Arme

Eine Notoperation in Feldkirch bleibt erfolglos. Nach der Obduktion fühlt sich niemand zuständig. Schließlich erklären sich Daniel, seine Mutter Karin und sein Stiefvater Hansjörg bereit, die Beerdigung zu organisieren. “Jeder Mensch hat eine Würde. Sie hat sich das verdient”, betont Hansjörg. Die VN-Sozialaktion Ma hilft unterstützt sie dabei finanziell und übernimmt die Kosten. Heute, Samstag, wird Annamária in Lustenau beigesetzt.

Femizid in Hohenems: Damit sie nicht vergessen wird

Was bleibt von Annamária? Die Wohnung in Hohenems sei bereits geräumt worden, erzählt Karin, ihre Sachen schon auf dem Weg nach Ungarn. Annamárias Jacke hängt noch bei Daniel in der Wohnung, ihr Kissen liegt auf dem Bett. Und ein kleiner Engel steht im Wohnzimmer, noch in Cellophan verpackt. Ein Geschenk an ihren Daniel. Daniel, der nun mit seiner Mutter und seinem Stiefvater dafür sorgt, dass mehr an Annamária erinnert, als nur die schreckliche Zahl 26.

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