Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Sportler als Vorbild

Vorarlberg / 09.01.2022 • 19:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

„Ich will kein Vorbild sein“: Der Titel eines Buches des Weltklasse-Fußballers Paul Breitner vor über 40 Jahren. Müssen Sportler denn Vorbild sein? Die Farce über die offenbar erschwindelte Einreise nach Australien der Nummer 1 im Tennis, Novak Djokovic, aktualisiert diese Frage wieder. Immerhin sehen laut Umfrage über 85 Prozent der Deutschen Sportler als Vorbild. Na ja. Wenn Sebastian Vettel dem Lewis Hamilton absichtlich ins Auto fährt, wenn Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, vielfache Millionäre also, oder Uli Hoeness von Bayern München als Steuerbetrüger entlarvt werden, ist das wenig vorbildhaft. Müssen Sportler wenigstens bei der Corona-Impfung Vorbild sein? Als Joshua Kimmich zugestehen musste, ungeimpft zu sein, hat es Appelle gehagelt, sich impfen zu lassen. Bis hinauf zu Angela Merkel. Kimmich ist dann, noch ohne ersten Stich, an Corona erkrankt und hat sich danach impfen lassen, konnte aber wochenlang nicht spielen. Vielleicht haben Wortmeldungen wie jene von Paul Breitner genutzt: „Für mich gibt es nur die Richtung, sich impfen zu lassen. Es geht nicht um eine Vorbildfunktion, sondern es geht um den Einzelnen. Wenn er sich dagegen entscheidet, habe ich null Verständnis dafür.“ Vielleicht war sich Kimmich auch bewusst geworden, dass er mit seinem Eintreten gegen die Impfung die Entscheidung vieler Menschen beeinflusst.

Klar ist, dass Vorbild zu sein keine rechtliche Verpflichtung darstellt. Aber eine moralische? „Die Sportler sind aus meiner Sicht ein Stück weit in der Pflicht, Vorbilder zu sein. Sie leben vom Enthusiasmus und zum Teil vom Geld der Fans, der Zuschauer. Daher muss man auch etwas zurückgeben.“ Sagt der deutsche Gesundheitsminister Lauterbach zu Djokovic. Dass man in einer so existenziellen medizinischen Frage versuche, ein Vorbild zu sein und nicht für sich eine Extrawurst reklamiere, sei geboten. Vom Vorbild entfernt sich Djokovic jedoch immer weiter. Dass er, eher grob fahrlässig, sich schon einmal angesteckt hatte, hat man schon fast vergessen. Wenn er jetzt sagt, er habe sich Mitte Dezember wieder angesteckt und deshalb das Recht, nach Australien einzureisen, muss er sich eine Menge Fragen gefallen lassen. Etwa, warum er sich nach der Ansteckung ohne Maske zu Veranstaltungen mit engem Kontakt zu Mitmenschen, auch zu Kindern, begeben hat. Sein Vater vergleicht ihn mit Spartacus und sogar mit Jesus Christus: „Jesus wurde gekreuzigt, ihm wurde alles angetan und er ertrug es und lebt immer noch unter uns. Jetzt versuchen sie, Novak auf die gleiche Weise zu kreuzigen.“ Da wird das Verständnis, außer in Serbien, weltweit gegen null tendieren.

Jedenfalls sagt der australische Premier Morrison, dass niemand über dem Gesetz stehe, auch ein Topstar nicht. Und: „Regeln sind Regeln!“ Das sollte sich auch Österreichs Exekutive zu Herzen nehmen. Wenn man sich die Bilder von den diversen Demos ansieht, vor allem auch in den sozialen Netzwerken, dann sieht man, dass hundertfach gegen Gesetze und Verordnungen verstoßen wird. Von offen zur Schau getragenen Nazi-Symbolen, Aufrufen zur Gewalt bis zum Verstoß gegen die Maskenpflicht. Im Gegensatz dazu hat es gerade in München bei 3000 Demonstranten 1265 Anzeigen gegeben. Gegen Verfügungen der Stadt, wegen Angriffs auf Polizisten und gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr. Die Polizei hat Ketten gebildet, um die Demonstranten einzukesseln. Bei uns gibt die Polizei eher eine Art Geleitschutz und hat soeben in Wien erst dann eingegriffen, als Pyrotechnik und Böller knallten und Mitglieder der rechtsextremen Identitären von der Demo abgesondert werden mussten. Doch jetzt sagt Kanzler Nehammer, dass unsere strengen Regeln wie 2G für die meisten Zugänge und 3G am Arbeitsplatz schärfer kontrolliert würden. Jetzt aber wirklich? Ein klares Eingeständnis, dass man Verstöße bisher eher toleriert hat. Erst unter dem Eindruck von Omikron besinnt man sich auf den Grundsatz „Regeln sind Regeln“.

„Klar ist, dass Vorbild zu sein keine rechtliche Verpflichtung darstellt. Aber eine moralische?“

Wolfgang
Burtscher

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Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.

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