Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Für immer jung

Vorarlberg / 10.01.2022 • 19:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wie jetzt der Tag beginnt: doppelter Espresso, anziehen, vor dem Computer gurgeln, mit dem Hund rausgehen und dabei gleich den PCR-Test einwerfen. Es ist in Wien zum Glück sehr unkompliziert, sich täglich zu testen, und alle, die ich kenne, passen auf, aber der Tenor in unserem Freundeskreis ist dennoch: Omikron wird uns früher oder später wohl alle erwischen. Das ist vielleicht nicht so dramatisch, wenn man dreifach geimpft ist, aber eine sehr bedrohliche Perspektive, wenn man kleine Kinder hat oder selbst gesundheitlich geschwächt ist. Und man fürchtet sich schon vor den postferialen Infektionszahlen, wenn jetzt in den Schulen wieder alle Kinder getestet werden.

Jedes Treffen, jedes Beisammensein ist automatisch auch ein Risiko, auch wenn alle geimpft und geboostert sind. Den 80. Geburtstag meines Vaters feierten wir deshalb trotz tiefsten Winters auf der Veranda, mit Abstand, Lichterketten, Glühwein und gegrillten Würsten, Keksen und Kuchen, und ich muss sagen, ich war beeindruckt über die Fitness und das Stehvermögen seiner ähnlichaltrigen Freundinnen und Freunde. Manche von ihnen hatte ich seit meiner frühen Jugend nicht mehr gesehen, es war schön, sie bei guter Gesundheit und ebensolchem Humor anzutreffen. Heinomol, bisch du gwaxa! Ja, gell, vielleicht weil ich auch schon über fünfzig bin. Aber wieder einmal zeigte sich, wie sehr man, egal wie alt und erwachsen man ist, in der Gesellschaft von Leuten, die einen aufwachsen sahen, doch für immer ein Kind bleibt. Das Kind wurde gefragt, wie es ihm so gehe, das Kind wurde an so Sachen aus der frühen Kindheit erinnert, an die es schon lange nicht mehr gedacht hatte und eigentlich nie wieder denken wollte, und das Kind wurde gefragt, ob es plane, irgendwann heimzukehren ins Ländle. Du meinst, so ganz und endgültig? Ja! Ganz ehrlich?, und ich will nicht unhöflich sein, aber eher nicht, jetzt außer vielleicht, ich erbe durch ein Wunder ein altes Bauernhaus mit schönem Garten im Bregenzer Wald, dann würde ich es mir eventuell überlegen, aber ohne Wälder-Verwandschaft ist derlei halt eher unwahrscheinlich; es bleibt also vorläufig bei Wien und der Waldviertler Hütte unter den Apfelbäumen.

Immerhin mit überschaubarem Heimweh, der Westen rückt durch immer schnellere Züge ja immer näher an den Osten heran und umgekehrt. Und der Freundeskreis besteht nach wie vor zu einem erheblichen Teil aus anderen Ländleexilanten, von denen zum Glück die meisten jassen können. Was umso wichtiger wird, jetzt, wo wir älter werden – auch wenn wir doch für immer Kinder bleiben, zumindest beim Heimatbesuch.

„Jedes Treffen, jedes Beisammensein ist automatisch auch ein Risiko, auch wenn alle geimpft und geboostert sind.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.

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