Wie das Siechenhaus und Landspital entstanden

Vorarlberg / 10.01.2022 • 16:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Siechenhaus in Bregenz lag im Mittelalter am Siechensteig weit abseits von jeder Siedlung.<span class="copyright">landesarchiv Bregenz</span>
Das Siechenhaus in Bregenz lag im Mittelalter am Siechensteig weit abseits von jeder Siedlung.landesarchiv Bregenz

Die Geschichte des Siechenhauses in Bregenz dokumentiert die Behandlung Schwerkranker in früheren Jahrhunderten.

Bregenz Im Mittelalter wütete die Lepra auch in Vorarlberg. Infizierte waren der Krankheit hilflos ausgeliefert, denn es gab kein Heilmittel. Die Menschen sahen nur eine Möglichkeit, sich zu schützen: Sie separierten die Erkrankten und brachten sie an einen Ort, weit weg von den Siedlungen. In Bregenz ins heute denkmalgeschützte Siechenhaus.

Sondersieche (abgesonderte Kranke), Feldsieche (im Feld lebende Kranke) oder Leprose nannte man die Leprakranken, die isoliert wurden. Davon leiteten sich die Bezeichnungen Siechenhaus und Leprosenhaus ab. Wenn die Erkrankten Glück hatten, fanden sie Unterschlupf in diesen speziellen Unterkünften, den sogenannten Leprosorien. Dort mussten sie sich einer strengen Haus- und Kleiderordnung unterwerfen (lange Siechenröcke tragen) und ein Warninstrument (Horn, Glocke, Klapper) bei sich tragen.

Erste geschlossene Fürsorgeanstalt

Das Bregenzer Siechenhaus lag weit abseits von jeder Siedlung am Siechensteig und war so ideal für die Unterbringung der Aussätzigen. Das Haus gilt als die erste geschlossene Fürsorgeanstalt der Stadt. Im Jahr 1400 wird es erstmals erwähnt und geht in seinen Anfängen wahrscheinlich in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zurück. Es beinhaltet ein damaliges Spital für Leprakranke, ein Badehaus und einen Kirchhof. Dort findet man auch die kleine Siechenkapelle, die Graf Hugo XII. von Montfort stiftete. Die Kapelle am Ende der Gallusstraße wurde 1744 bis 1746 unter Belassung des hohen dreiseitig geschlossenen Chores teilweise neu erbaut. Im hinteren Teil des Kirchenschiffs finden sich von Süden und Norden her Eingänge, die für die Gesunden bestimmt waren. Die Siechen konnten durch eine schmale Pforte an der rückwärtigen Stirnseite der Kapelle die Empore betreten, ohne mit den Menschen im Schiff in Berührung zu kommen oder von ihnen gesehen zu werden. Diese baulichen Besonderheiten sind heute noch erkennbar und erklären sich durch die Zweckbestimmung der Kapelle.

Kranke verloren Freiheit

Wurde jemand verdächtigt, an der Lepra erkrankt zu sein, musste er sich der ärztlichen Siechenschau unterziehen. Wenn sich der Verdacht bestätigte, verlor der Kranke seine Freiheit, wurde aus der Gesellschaft ausgestoßen und sein Eigentum wurde beschlagnahmt. Es ging an die Leprosenstiftung, welche damit den Erhalt des Siechenhauses mitfinanzierte. Die sieben Landgerichte Hofsteig, Lingenau, Alberschwende, Sulzberg, Grünenbach, Simmerberg und Hofrieden waren an der Leprosenstiftung beteiligt.

Vorläufer des Landspitals

Um 1600 geriet das Siechenhaus in finanzielle Schwierigkeiten. Die sieben Landgerichte mit der Stadt Bregenz unter dem Vorsitz des Vogtes Wernher von Raitnau konnten sich nicht darauf einigen, wie die Kosten aufgeteilt werden sollten. Erst auf ein Machtwort des Vogtes kam ein für alle Teile zufriedenstellender Vergleich zustande. So erhielten die Abgesandten der sieben Gerichte 1614 die Erlaubnis, ein eigenes Siechenhaus in unmittelbarer Nähe zu errichten. Zu diesem Zweck durfte das kleine „Siechenhäusle jenhalb der Straße“ innerhalb sechs Wochen abgebrochen werden und das Material zum Neubau verwendet werden. Das war die Geburtsstunde des Landleprosenhauses, des späteren Landspitals.

Nutzung als Altersheim

Im 17. Jahrhundert war die Lepra in Mitteleuropa besiegt und die Leprosorien wurden zu Armenhäusern und Spitälern. 1664 wurde das Haus abgetragen und nach den Plänen des Bregenzer Baumeisters Michael Kuen neu aufgebaut.

1698 werden „zum Guten der Armen und zur Verhütung von Feuersbrünsten“ eine Badestube, eine Waschhütte und ein Backofen gebaut. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts ist in den Pflegschaftsberechnungen von dem „allhiesigen Arme-Leute“-Spital die Rede. Im Landspital, wie das Bregenzer Landleprosenhaus nun hieß, wurden Menschen untergebracht, die an unheilbaren und ansteckenden Krankheiten litten: Krebs, Tollwut, Geschlechtskrankheiten, Flechtenausschlag, Skorbut, Epilepsie, Wahnsinn und an übelriechenden Geschwüren. In diesen Häusern ging es nicht darum, die Kranken zu heilen. Sie sollten von den Gesunden ferngehalten werden. Von 1901 bis 2002 war das Landspital ein Versorgungshaus für sozial schlechter Gestellte und diente als Altersheim. 2010 wurde das Gebäude abgerissen.

Das Siechenhaus ist heute im Besitz der illwerke vkw AG und steht unter Denkmalschutz. Es wurde behutsam renoviert und wird für kulturelle Veranstaltungen und unternehmensinterne Events genutzt.

Das Siechenhaus in Bregenz lag im Mittelalter am Siechensteig weit abseits von jeder Siedlung.<span class="copyright">landesarchiv Bregenz</span>
Das Siechenhaus in Bregenz lag im Mittelalter am Siechensteig weit abseits von jeder Siedlung.landesarchiv Bregenz

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