Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Das Wägelchen

Vorarlberg / 12.01.2022 • 07:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ein Arbeitsloser erzählt:
„Ein Mensch muss zu etwas nütze sein. Das sagte meine Frau beim Frühstück.

Mir fiel die Tasse aus der Hand, der heiße Kaffee brannte auf meiner Hand. Meine Frau, arbeitslos wie ich, putzte mit einem Lappen und schaute mich dabei streng an. Sie arbeitete zwei Mal in der Woche als Putzfrau bei Künstlern, was schwierig war, weil so viel Zeug herumlag, kaum Platz, um Staub zu saugen. Ich entschuldigte mich und sah sie mit meinem Hundeblick an. Schau mich nicht so an, sagte sie. Ich mache dir keinen Vorwurf, dass du nichts zu tun hast, ich meine, für etwas belohnt wirst, was du nicht getan hast, sagte sie. Aber ich wünsche mir wohl, dass du aus eigenen Stücken etwas in die Hand nimmst. Denk an unseren Enkel. Er ist drei Jahre alt, wir haben ihn erst einmal gesehen. Ich schluckte, ja es stimmte, unser Enkel und unsere Tochter wohnten weit weg, bald würden wir sie nicht zu Gesicht bekommen. Bastle ihm etwas, sagte meiner Frau, auch wenn er dein Geschenk erst sehen wird, wenn er es nicht mehr will.
Ich und basteln. Jemand, der so linke Hände hat wie ich.
Bastle ihm ein Wägelchen, das kann doch nicht so schwer sein, eine kleine Holzplatte, vier Räder, die du kaufen kannst, Nägel, einen Stab, um am Wägelchen zu ziehen. Fast hätte ich gesagt, warum machst du es nicht, wenn du weißt, wie das geht. Ich schwieg. Am Nachmittag ging ich in ein Bastelgeschäft und kaufte vier Räder, einen Stab und Nägel. Holzplatte, hieß es dort, könne ich im Abfall bei einem Schreiner bekommen.
Ich kaufte mir zwei Bier, eines trank ich auf dem Nachhauseweg, das andere steckte ich in den Sack mit den Bastelsachen.
Ich weiß, der Alkohol ist die Flamme, die im Herz des Arbeitslosen brennt. Ich wollte nicht trinken, nur ab und zu ein Bier. Meine Frau schmeckte der Rotwein. Wir wollten beide vernünftig sein. Weil wir Großeltern sind, sagte meine Frau. Was für ein Argument, wo wir unseren Enkel doch nur ein einziges Mal gesehen hatten, und das kurz nach der Geburt. Unsere Tochter war eine zaghafte Frau und der Vater des Kindes war ihr schon während der Schwangerschaft davongelaufen. Wir konnten sie nicht mit Geld unterstützen. Sie sagte, das wäre gar nicht nötig, sie habe einige Jobs. Ich fragte meine Frau, ob sie eine Ahnung habe, was sie damit meine. Sie wird hadern wie wir, sagte meine Frau.

„Bastle ihm etwas, sagte meiner Frau, auch wenn er dein Geschenk erst sehen wird, wenn er es nicht mehr will.“

Gerade zog sie ihre Stiefel an, um zu ihrem Putzjob zu gehen. Die Künstler, bei denen sie putzte, waren freundlich. Das Erste, bevor sie mit dem Putzen begann, war Kaffee und Kuchen und ein kleines Gespräch, was von ihr heute erwartet würde. Der Hausherr, der Dichter, sagte, am liebsten wäre ihm, sie würde von sich erzählen. Er stecke nämlich gerade in einem Roman fest und wäre dankbar für jede Ablenkung. Sie schreiben doch hoffentlich nicht über mich, sagte meine Frau, und er verneinte. Also erzählte sie ihm eine erfundene Geschichte, aus der Zeit, als sie und ihr Mann – also ich! – noch berufstätig gewesen waren.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.