Die Versuchung des fatalen Klicks

Vorarlberg / 12.01.2022 • 18:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Simone Strehle-Hechenberger, Leiterin der IfS-Schuldenberatung. VOL/MAYER
Simone Strehle-Hechenberger, Leiterin der IfS-Schuldenberatung. VOL/MAYER

Simone Strehle-Hechenberger weiß: Online-Kaufmöglichkeiten lassen Hemmungen schwinden.

BREGENZ Die Corona-Pandemie hat viele Unternehmen und Einzelpersonen in große wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht. Das weiß vor allem auch Simone Strehle-Hechenberger (47), Leiterin der IfS-Schuldenberatung in Bregenz. Durch das eingeschränkte öffentliche Leben ist das Konsumspektrum zwar kleiner geworden, ein unüberlegter Klick am Computer zur Besiegelung einer nicht leistbaren Anschaffung kann jedoch großen Schaden anrichten.

 

Hat Covid die Schuldensituation grundsätzlich verschärft?

Strehle-Hechenberger Das lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Fest steht: Viele Haushalte haben weniger Geld zur Verfügung. Schulden häufen sich jedoch zumeist über einen längeren Zeitraum an. Durch die hohen Wohnungskosten geraten manche Schuldner mit ihrem Zahlungsplan in Schwierigkeiten. Nicht mehr alle schaffen es, 500 Euro monatlich ausschließlich zum Leben zur Verfügung zu haben, obwohl die Regierung durch Maßnahmen einiges abgefedert hat. Ich kenne keine Einzelperson mehr, die mit ihren Ausgaben fürs Wohnen unter 700 Euro liegt. Viele Familien müssen in diesen Zeiten der Unsicherheit scharf den Sparstift ansetzen.

Welche Menschen geraten durch die Pandemie vor allem in Schwierigkeiten?

Strehle-Hechenberger Das sind ganz normale Menschen. Solche, die normal und vernünftig kalkulieren und denen durch die Umstände ihr ganzer Plan zuammenfällt. Sie geraten durch nicht planbare Ereignisse in Schwierigkeiten.

 

Wie oft müssen Zahlungspläne aufgrund der Pandemie neu gestaltet werden?

Strehle-Hechenberger Das passiert öfters. Es gibt da auch verschiedene Möglichkeiten, sich auf neue Situationen einzustellen und einen Plan zu verändern. Freilich müssen dann auch die Gläubiger mitspielen. Je mehr Gläubiger ein Schuldner hat, desto schwieriger wird es.

 

Haben Gläubiger ein „Pandemie-Herz“, sprich sind sie in diesen außergewöhnlichen Zeiten verständnisvoller?

Strehle-Hechenberger Wir registrieren derzeit generell ein größeres Verständnis vonseiten der Gläubiger für die schwierigen Umstände, die es manchen Schuldnern unmöglich macht, ihren Zahlungsplan einzuhalten. Dazu zählen zum Beispiel Vermieter, die bei den Mieten entgegenkommend sind, aber auch regionale Banken. Andererseits gibt es für Schuldner jetzt auch die gesetzliche Möglichkeit, einen Zahlungsplan schon in drei Jahren zu erfüllen.

 

Hat die Pandemie das Konsumverhalten verändert?

Strehle-Hechenberger Ja, schon. Der Onlinekonsum hat zugenommen. Und das ist für viele gefährlich. Weil es so bequem ist und sich auch abends gemütlich auf dem Sofa machen lässt, wenn man mit einem Klick auf dem Digitalgerät den Kauf von Dingen besiegelt, die man sich eigentlich nicht leisten kann. Es fallen bei dieser Form des Erwerbs alle möglichen Hemmschwellen weg. Man muss nicht einmal eine Bankomatkarte zücken, geschweige denn in einem Geschäft agieren. Das ist verführerisch und wird manch einem zum Verhängnis. Man muss vor allem Jugendliche präventiv auf solche Gefahren aufmerksam machen.

 

Wie kommen die Leute mit den Unsicherheiten in der jetzigen Zeit zurecht?

Strehle-Hechenberger Schwer. Vor allem Menschen, die im Tourismus arbeiten. Es ist die Unplanbarkeit, die vielen zu schaffen macht. Dieses Gefühl, nicht zu wissen, was auf einen zukommt, wenn sich Situationen wieder ändern.

 

Was bekommen Sie von der psychischen Belastung ihrer Klienten durch die permanente Ausnahmesituation mit?

Strehle-Hechenberger Die Klienten, die zu uns kommen, sind schon belastet. Oft gesundheitlich und psychisch, weil sie ja bei uns wegen einer schwierigen Situation vorstellig werden. Es belastet sie ganz besonders, wenn ihre missliche Lage für andere offensichtlich wird. Wenn jemand zum Beispiel sein Auto verkaufen muss, dann merkt das ja bald jeder, der diese Person kennt. Viele sind erleichtert, wenn sie ihre Lage einmal klar dargestellt haben und es einen Plan gibt, wie sie aus der Misere wieder herauskommen. Dann sehen sie wieder eine Perspektive.

 

Hat sich durch Corona die Bereitschaft erhöht, sich einer Schulden­situation zu stellen und ein Schuldenregulierungsverfahren anzustreben?

Strehle-Hechenberger Das wird sich erst zeigen müssen, wenn allfällige Probleme in vollem Ausmaß feststehen und einigen der Atem ausgeht. Ich denke da vor allem an mögliche Firmeninsolvenzen.

 

Was für Auswirkungen hat die Pandemie auf Ihre tägliche Arbeit?

Strehle-Hechenberger Wir sind flexibler geworden. Viele Beratungen finden aufgrund der Situation telefonisch statt. Wir haben uns jetzt einen guten Mix zwischen Telefonberatung und persönlicher Kontaktnahme zurecht gelegt. Physische Treffen mit unseren Klienten sind natürlich nicht zu ersetzen. Was uns die Krise auch beschert hat: Wir sind im digitalen Bereich fitter geworden.

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