Opferzahl bei häuslicher Gewalt gestiegen

Vorarlberg / 12.01.2022 • 18:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Opferzahl bei häuslicher Gewalt gestiegen
“Es ist wichtig, auch bei den Tätern anzusetzen”, sagt Furtenbach.ifs

Mehr Betretungsverbote, längerer Aufenthalt in Frauennotwohnung.

Schwarzach 31 Frauen wurden im Vorjahr von Männern, denen sie einst vertrauten, getötet, zwei dieser mutmaßlichen Femizide in Vorarlberg verübt. Anja Natter, Leiterin der Frauennotwohnung des Instituts für Sozialdienste (ifs), gehen diese Taten sehr nahe. „Es wird deutlich, wie wichtig die Arbeit der Opferschutzeinrichtungen ist“, sagt sie. „Jede Frau, die den Weg zu uns schafft, hat gute Chancen auf ein Leben ohne Gewalt.“  Im vergangenen Jahr lebten 67 Frauen und 96 Kinder in der ifs Frauennotwohnung. Das sind in etwa gleich viele wie in den Jahren zuvor. Sie blieben aber deutlich länger. Ende November zählte die Frauennotwohnung um ein Drittel mehr Belegtage als 2019. Das liege unter anderem daran, dass die Lage der Frauen komplexer werde, erklärt Natter. Die Gefährder seien hartnäckiger, die Scheidungs- und Strafverfahren langwieriger oder der Aufenthaltsstatus unklar, nennt sie drei Beispiele. „Aktuell begleiten wir zwölf Frauen und 18 Kinder. Vier Zimmer sind noch frei.“ Natter appelliert an alle, die Hilfe benötigen, sich zu melden. Möglichst viele Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, sollen den Weg zur Notwohnung finden.

„Die Lage bleibt angespannt“

Rückendeckung erhält sie von Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker (Grüne). Sie erwartet, dass die Frauennotwohnung weiterhin gut ausgelastet sein werde. Man kooperiere mit Unterkunftsbetreibern, sodass kurzfristig neue Plätze geschaffen werden könnten. „Wir haben auch überlegt, zusätzlich eine Außenwohnung anzumieten.“ Die Lage bleibe angespannt: „Sehr viele Kinder sind mit dabei. Häusliche Gewalt hängt fast immer mit dem Thema Kinderschutz zusammen.“ 

Das zeigen auch die Zahlen der Betretungs- und Annäherungsverbote. Wurden sie bisher pro Haushalt registriert, zählt die Polizei nun die Opferzahl. 2020 sprach sie in 339 Haushalten Betretungs- und Annäherungsverbote aus, betroffen waren 425 Opfer. Letztere Zahl stieg 2021 auf 475, also um 11,7 Prozent, wie Ulrike Furtenbach von der ifs Gewaltschutzsstelle berichtet. Die angespannte Situation während der Pandemie sei zum Teil für die zunehmende Gewalt verantwortlich. „Die Menschen scheinen sich aber auch verstärkt bei der Polizei zu melden.“ Kürzlich seien wieder spezialisierte Beamte geschult worden.

137 Gefährder beraten

Der Stellenwert des Gewaltschutzes sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, berichtet die Leiterin der Gewaltschutzstelle. Wiesflecker stimmt zu. Lob gibt es vor allem für die verpflichtende Täterberatung. Seit September müssen Gefährder nach einem Betretungs- und Annäherungsverbot an die Beratungsstelle für Gewaltprävention melden und mindestens sechs Stunden absolvieren. In Vorarlberg wurden bis Jahresende 137 Gefährder – 90 Prozent Männer – aufgefordert, sich zu melden. Zwischen 70 und 80 Prozent von ihnen meldete sich binnen der gesetzlichen Fünf-Tage-Frist. Ein Drittel stimmte nach den verpflichtenden sechs Stunden Beratung einer weiteren freiwilligen Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt zu.

Das erlaube Zugang zu einer bisher schwer erreichbaren Zielgruppe, ist Anja Natter überzeugt. Wiesflecker denkt darüber nach, dass die verpflichtenden Beratungsstunden erweitert werden könnten. Finanziert werden sie durch den Bund. „Es ist wichtig, auch bei den Tätern und Täterinnen anzusetzen“, sagt Furtenbach. Ebenso bei den Opfern würde investiert. „Es gibt mehr Personal. Wir haben etwa zusätzlich eine junge Kollegin im Bregenzerwald angestellt.“ Je niederschwelliger das Angebot sei, desto besser.

Hilfe und Fakten

Hilfe Wer Hilfe und/oder Beratung sucht, findet diese bei der ifs Gewaltschutzstelle (05/1755-535), Frauennotwohnung (05/1755-577) oder Gewaltberatung (05/1755-515).

Betretungsverbote Betretungs- und Annäherungsverbote werden von der Polizei ausgesprochen, wenn die Lage eskaliert. 475 Opfer waren 2021 davon betroffen.

Notwohnung 67 Frauen und 96 Kinder wurden 2021 in der ifs Frauennotwohnung betreut, 2020 waren es 67 bzw. 82, 2019 69 bzw. 61.

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