Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Frauenmorde verhindern

Vorarlberg / 13.01.2022 • 04:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Kriminologisch hat das neue Jahr in Österreich so begonnen, wie das alte geendet hat: mit der Tötung einer Frau, einer 42-jährigen Mutter von fünf Kindern, durch ihren Mann. Im allgemeinen Entsetzen wird die Forderung nach Schutz für die Frauen erneuert und der Ruf nach „wirksamen Maßnahmen“ wieder laut.

Allerdings weiß niemand so recht, was im Kampf gegen das in ganz Europa immer brisanter werdende Problem der zunehmenden Femizide hilft – auch ich nicht. Nach intensiven Gesprächen, die ich während fast 40-jähriger Gutachtertätigkeit mit über 50 Beschuldigten nach Partnertötungen geführt habe, seien aber ein paar Überlegungen erlaubt:

Präventions- und Hilfsmaßnahmen, die für die Opfer selbstverständlich sein müssen, sollten sich auch an die potenziellen Täter richten. Nicht, um deren furchtbare Taten zu entschuldigen, sondern um zu verstehen, wie normale Menschen in eine Situation kommen können, in der sie ihre Liebste töten. Dazu ist es erforderlich, das in der Öffentlichkeit gezeichnete Persönlichkeitsbild von „Frauenmördern“, das nur für eine Minderzahl zutrifft, zu korrigieren.

„Bei der Mehrzahl der Männer handelt es sich um eher unauffällige, introvertierte, zuvor nicht kriminell gewordene Personen.“

Reinhard Haller

Unzweifelhaft gibt es unter ihnen auch impulsiv-aggressive, gemütskalte, narzisstische und von toxischer Männlichkeit geprägte Charaktere. Bei der Mehrzahl handelt es sich aber um eher unauffällige, introvertierte, zuvor nicht kriminell gewordene Personen. Gemeinsam ist allen, dass sie offensichtlich ein falsches Männer- und Frauenbild haben, unter erhöhten Liebesbedürfnissen leiden, mit niemandem über ihre Probleme sprechen, keine Hilfe suchen und sich in die Welt ihrer destruktiven Phantasien zurückziehen. Genau hier müssten Maßnahmen ansetzen, beim Lösen aus dieser verhängnisvollen emotionalen Isolation.

Die Frauen müssten deshalb motiviert werden, jede Gewaltandrohung an einer Fachstelle – primär nicht bei der Polizei, da ist die Schwelle zu hoch – zu melden und von Anzeigen nicht gleich zurückzutreten. Von politischer Seite wäre es wichtig, gesetzliche und institutionelle Möglichkeiten für verpflichtende Beratungen für all jene zu schaffen, die Drohungen ausgesprochen haben. Ähnlich wie im Suchtbereich geht es dabei vorerst nicht um strafrechtliche Anzeigen, sondern um die Herstellung eines unterstützenden und kontrollierenden Kontakts. Mittelfristig ist aber ein anderes Männerbild erforderlich. Wenn ein Mann auch schwach, fehlerhaft und weich sein darf, wenn er Gefühle zeigen und Hilfe annehmen kann, wird sich keine femizidale Tatbereitschaft einstellen.

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut

und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.

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