Zu Gast in Kana

Vorarlberg / 14.01.2022 • 17:36 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zu Gast in Kana

Das Evangelium vom heutigen Sonntag berichtet von der Hochzeit zu Kana, bei der Jesus sein erstes Wunder wirkt, indem er Wasser zu Wein werden lässt (Joh.2,1-11). Dabei wird seine Mutter Maria eine entscheidende Rolle spielen. Der Anfang der Bibelstelle legt nahe, dass Jesus bereits von zu Hause ausgezogen war, und dass es nun bei diesem gesellschaftlichen Anlass zur Wiederbegegnung kommt. Es ist die Gottesmutter, welche die Unruhe bei den Gastgebern bemerkt: Der Wein ist ausgegangen – wie peinlich! „Sie haben keinen Wein mehr…“ Ruhig wendet sie sich an ihren Sohn. Und lässt sich auch dann nicht von ihrem Anliegen abbringen, als dieser zunächst ablehnend reagiert. Dank ihrer Beharrlichkeit geschieht das Wunder – und die Feier ist gerettet.

Persönlichkeitsbild

Es ist eine Verhaltensweise, wie wir sie immer wieder bei der Gottesmutter beobachten. Mit gesammelter Aufmerksamkeit verfolgt sie die Geschehnisse in ihrer Umgebung. Den Besuch des Engels empfängt sie mit ruhiger Nachdenklichkeit und stellt ihre Fragen. Dass diese ins Persönliche gehen, kann sie nicht aus der Ruhe bringen. Was ihr über ihr Kind gesagt wird, „bewahrt sie in ihrem Herzen und denkt darüber nach“ (Lk.2,19). Zugleich hat sie sich im ägyptischen Exil wohl im bunten Treiben von Märkten zurechtgefunden, und dass sie einen gesellschaftlichen Anlass aufmerksam beobachten kann, haben wir gesehen. Achtsamkeit für das Hier und Jetzt, die auf innerer Sammlung beruht: Das waren wichtige Mosaiksteine im Persönlichkeitsbild der Gottesmutter. Sie haben sich auch in ihrer ganz persönlichen Gottesbeziehung widergespiegelt und ihr Licht geworfen auf den Weg, den sie mit Gott gegangen ist.

Kein Marienbild

Hat sie der Engel soeben verlassen, nachdem sie ihr Jawort zu Gottes Plan gegeben hat? Ist ihr gerade aufgefallen, dass bei den Gastgebern in Kana etwas nicht stimmt, und dass der Wein zur Neige geht? Überlegt sie, was Ereignisse und Worte, die ihr zuteilgeworden sind, bedeuten? Oder ist sie gar nach dem Karfreitag ihrem auferstandenen Sohn wiederbegegnet? Unser Bild ist keine Madonnendarstellung. „Frau mit Schleier“ ist der Titel dieser Zeichnung von Pablo Picasso, welche in ihrem beinahe lebensgroßen Format die Besucher im Museum Villa Rosengart in Luzern beeindruckt. Und doch scheint sie viel von dem widerzuspiegeln, was wir aus den Berichten der Evangelien von der Persönlichkeit Mariens kennen. Da sind die nachdenkliche Haltung und der Blick, der mehr nach innen denn nach außen gerichtet scheint. Eine gesammelte Grundhaltung scheint diese Person auszuzeichnen. Zugleich lassen die kräftigen Arme einen arbeitsreichen Alltag vermuten. Es ist immer wieder lohnenswert, über die Persönlichkeit der Gottesmutter, wie sie aus ihren Worten und Taten, aber auch aus ihrem Schweigen in den Evangelien hervorgeht, nachzudenken. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sie dem Leser und der Leserin etwas von ihren Erfahrungen mitteilen möchte: von ihren Erfahrungen mit Gott und im Umgang mit den Menschen. Vor diesem Hintergrund mag es den Betrachter(inne)n dieses Meisterwerkes ähnlich gehen. In seiner Schlichtheit und Konzentration macht es nachdenklich und lässt zur Ruhe kommen. Und so möge neben den biblischen Quellen auch dieses Kunstwerk zum Nachdenken über die Persönlichkeit Mariens einladen. Ein Gegenstand der Kunst lässt immer wieder einen Strahl der Ewigkeit in der Welt aufleuchten. Auch dadurch ist dieses Bild auf seine Art dem Wesen der Gottesmutter ähnlich.

Pablo Picasso, „Femme au voile, 1923/24“. Museum Sammlung Rosengart Luzern/Siri Hafner
Pablo Picasso, „Femme au voile, 1923/24“. Museum Sammlung Rosengart Luzern/Siri Hafner

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