Was Multiple Sklerose mit dem Epstein-Barr-Virus zu tun hat

Vorarlberg / 15.01.2022 • 04:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Was Multiple Sklerose mit dem Epstein-Barr-Virus zu tun hat
Primar Philipp Werner, Leiter der Akutneurologie, sieht die neuen Erkenntnisse etwas differenzierter.  khbg

Forscher vermuten die Hauptursache. Neurologe relativiert.

feldkirch Die Vermutung, wonach eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) eine Multiple Sklerose (MS) auslösen könnte, besteht schon lange. Nun scheint eine große US-Studie zu belegen, dass das extrem weit verbreitete Virus die Hauptursache der MS sein könnte. Eine Infektion mit diesem Erreger erhöhe das Risiko für die bislang nicht heilbare Autoimmunerkrankung um etwa den Faktor 32, berichten die Forscher im Fachblatt “Science”. Damit sei das EB-Virus die mit Abstand wichtigste Ursache für den Ausbruch der Krankheit.

Primar Philipp Werner, Leiter der Neurologie und Stroke Unit am Landeskrankenhaus Feldkirch, relativiert im VN-Gespräch: “Wir wissen, dass das EBV einen Auslöser für MS darstellt, das ist aber nach wie vor nicht wirklich erwiesen.” Gerade Corona habe gezeigt, dass diverse Viren speziell auf das Nervensystem gehen und es so verändern, dass es zu neurologischen Ausfällen kommt, verweist Werner auf Riech- und Geschmacksstörungen, die typisch für eine Coronainfektion sind. Vom Epstein-Barr-Virus sei ebenfalls bekannt, dass es jemanden über Monate “platt machen” könne.

Tückische Viren

Bei einer MS zerstört das Immunsystem im zentralen Nervensystem die schützenden Myelinhüllen, welche die Nervenfasern umgeben. Das führt unter anderem zu Empfindungsstörungen, Sehbeeinträchtigungen und Bewegungsproblemen bis hin zu Lähmungen, was für Betroffene eine starke Einschränkung der Lebensqualität bedeutet. “Bei der Abklärung solcher Erkrankungen punktiert man in der Regel das Nervenwasser, um es auf alle möglichen Viren zu untersuchen”, erklärt Philipp Werner. Oft würden Viren im Rückenmark nämlich über viele Jahrzehnte dahin schlummern. “Ist das Immunsystem nicht mehr intakt, können sie plötzlich aktiv werden, entlang der Nerven quasi hinauswandern und Gürtelrose verursachen”, nennt der Neurologe ein anderes Beispiel für die Tücke von Viren und betont: “Ein gutes Immunsystem ist wichtig, um gewisse Viren im Zaum zu halten.” Das Epstein-Barr-Virus ist weitverbreitet. Rund 90 Prozent der Weltbevölkerung haben es, leben aber problemlos damit.

Die Studie hält Primar Philipp Werner insofern für einen Meilenstein, als sie bei MS-Patienten eine vermehrte Aktivierung des EB-Virus gezeigt hat. Die große Erkenntnis, dass die MS damit besiegt sei, habe sie jedoch nicht gebracht. “Wäre tatsächlich sicher, dass EBV der Hauptverursacher ist, könnte man das Virus behandeln”, gibt der Neurologe zu bedenken. So bleibe das Epstein-Barr-Virus ein Begleitphänomen bei MS, von der in Vorarlberg etwa 600 bis 800 Menschen betroffen sind.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.