Warum Vorarlberger Schulsprecherinnen vom Bildungsminister enttäuscht sind

Vorarlberg / 16.01.2022 • 15:34 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Warum Vorarlberger Schulsprecherinnen vom Bildungsminister enttäuscht sind
Corona prägt die Aktivitäten von BHS-Landesschulsprecherin Anne Urbanek und AHS-Vertreterin Lina Feurstein (v.l.) fast komplett. Sie arbeiten eng zusammen. VN/Stiplovsek

Bei der Entscheidung über die mündliche Matura wurden die Schüler nicht gefragt. Am Dienstag wird gestreikt.

Schwarzach Anne Urbanek (18) und Lina Feurstein (18) sind zwei selbstbewusste Mädchen, welche Vorarlbergs Schülerinnen und Schüler als Landessprecherinnen vertreten. Urbanek vertritt die BHS-Schüler, Feurstein jene der AHS. Es eint sie der Protest gegen den neuen Bildungsminister Martin Polaschek, der über die Köpfe der Schüler hinweg die mündliche Maturprüfung im zweiten Coronajahr wieder etablieren möchte. Aber auch in anderen Bereichen marschieren Feurstein und Urbanek Hand in Hand.

Ihr seid in der Protesthaltung gegen die Wiedereinführung der mündlichen Matura vereint. Warum diese strikte Ablehnung?

Lina Feurstein: Die diesjährigen MaturantInnen befanden sich in den letzten zwei Jahren in einer Pandemiesituation. Es wurde viel Stoff verloren. Man kann doch nicht genau diesen KandidatInnen jetzt die mündliche Matura zumuten, während man ihre Vorgänger davon befreite.

Anne Urbanek: Jetzt wird versucht, mit Druck alles aufzuholen und dadurch wird noch mehr Druck. Man kann von der Politik nicht behaupten “Wir schauen auf eure Gesundheit” und dann solche Schritte einleiten.

Lina Feurstein hatte gutes über den neuen Bildungsminister Martin Polaschek gehört und ist nun enttäuscht von ihm. <span class="copyright">VN/Stiplovsek</span>
Lina Feurstein hatte gutes über den neuen Bildungsminister Martin Polaschek gehört und ist nun enttäuscht von ihm. VN/Stiplovsek

Ihr seid also vom neuen Bildungsminister Polaschek enttäuscht?

Urbanek: Ja. Wir haben auf einen frischen Wind in der Kommunikation gehofft. Und jetzt? Jetzt hören wir Sager wie “Schülerinnen können auch im Spital die Matura schreiben”. Das ist lächerlich. Diese Vorgangsweise des Ministers zwingt uns zu Steikmaßnahmen, weil’s am Verhandlungstisch offensichtlich nicht funktioniert.

Feurstein: Ich war ehrlich gesagt schon überrascht, mit was für einer Konsequenz er die Wiedereinführung der mündlichen Matura verkündet hat. Ich hatte die Hoffnung, dass da ein größerer Dialog mit uns Schülerinnen stattfindet. Als ich mich über Martin Polaschek erkundigte, vernahm ich, dass er an seiner Universität den Namen eines Vorlesungssaales änderte, weil der zuvor nach einem Faschisten benannt war. Damit verband ich die Hoffnung auf ein höheres Problembewusstsein in Bezug auf gesellschaftliche Probleme. Ich wurde enttäuscht.

Wie wird der Streik am Dienstag aussehen?

Feurstein: Der Streik soll am Dienstag in der dritten Schulstufe stattfinden. Die Schüler boykottieren dann den Unterricht. Schülerinnen und Schüler von den Bregenzer Gymnasien werden sich vor dem Palais Thurn und Taxis in Bregenz versammeln – coronagerecht im Freien.

Urbanek: Wir von der BHS überlassen den Schülern am Standort, wie und wann sie den Streik bewerkstelligen. Als Vertreterin der Aktion Kritischer Schüler biete ich gerne Unterstützung für die Aktion an.

Anne Urbanek muss dafür kämpfen, dass die Schüler der berufsbildenden höheren Schulen von den Entscheidungsträgern nicht permanent benachteiligt werden. <span class="copyright">VN/Stiplovsek</span>
Anne Urbanek muss dafür kämpfen, dass die Schüler der berufsbildenden höheren Schulen von den Entscheidungsträgern nicht permanent benachteiligt werden. VN/Stiplovsek

Ziehen die Lehrer bei eurem Unterfangen mit?

Feurstein: Die Lehrpersonen sind gespalten. Es gibt solche, die wollen nicht, dass Unterricht verloren geht. Aber der größere Teil unterstützt unseren Streik sehr wohl. Sie sehen die Situation mit der mündlichen Matura wie wir.

Urbanek: Es haben Lehrer dazu ihre eigene Meinung. die sollen sie auch haben. Aber viele stehen auf unserer Seite.

Der Umgang mit Corona überschattet alles. Gibt’s eigentlich noch irgendwelche anderen Herausforderungen für die Schülervertetung in diesem Schuljahr?

Feurstein: Man merkt natürlich, dass dies ein ganz spezielles Jahr für die Schülervertretung ist. Veranstaltungen mit Präsenz sind ja kaum möglich. Am schmerzlichsten ist diesbezüglich die Durchführung des Schülerparlaments. Das muss nun digital erfolgen, und ist dadurch natürlich nicht dasselbe.

Urbanek: Wir sind mit sehr coolen Zielen und Forderungen in unsere LSV-Arbeit hinein gestartet. Wir hätten mehrere Austauschtreffen zu verschiedensten Themen geplant gehabt. Das geht nun alles nicht.

Wie eng seid ihr beiden bei Schüleranliegen in Kontakt miteinander?

Urbanek: Wir stehen in regelmäßigem Kontakt, tauschen uns regelmäßig aus. Wir akkordieren unsere Aktivitäten und versuchen uns zu ergänzen. Wir sehen uns mehr als wir telefonieren.

Feurstein: Es sind sehr spontane Treffen. Ein schnelles SMS und schon treffen wir uns sofort.

Unterscheiden sich die Anliegen eurer Schülergruppen eigentlich?

Feurstein: Die Hauptanliegen sind dieselben. Allerdings: Von den Entscheidungsträgern wird die AHS vorrangig behandelt. Uns wird vorher kommuniziert, was passiert. Daher ist die Forderung von Anne nach Gleichberechtigung auch völlig nachvollziehbar.

Urbanek: Die BHS und die Berufsschüler werden oft komplett vergessen. Darüber gibt es bei uns oft große Aufregung.

Gibt’s die enge, durch Corona entstandene, Partnerschaft zwischen Lehrern und Schülern noch?

Feurstein: Ja. Alle Schulpartner können gut miteinander. Das hat auch mit der Kleinheit des Landes zu tun. Oft finden sich Vertreter der verschiedenen Gruppen ja an einer Schule.

Urbanek: Das kann ich so nur bestätigen.

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